Airnb geht auch mit dem Wohnmobil

Camper-Sharing wird immer beliebter. Es funktioniert wie Airbnb, nur auf vier Rädern. Wir haben ein Wohnmobil bei Paul Camper ausgeliehen und auf einer Reise nach Polen ausprobiert.

Von Haiko Prengel

Das Testfahrzeug: Ein 22 Jahre alter Dethleffs Globetrotter.

Die Inneneinrichtung aus Sperrholz und rundum viel Kunststoff: Wohnmobile sind schon ab Werk recht fragile Konstrukte. Da ist es doch erstaunlich, wie wacker sich der 22 Jahre alte Dethleffs Globetrotter sogar auf widrigen Straßenverhältnissen hält. Unterwegs auf den buckeligen Pisten der polnischen Ostseeküste scheppert der Aufbau zwar bedrohlich. Besteck und Geschirr in den Schränken werden bei jedem Schlagloch aufs Neue sortiert. Doch das Gebälk hält und der angepeilte Übernachtungsplatz wird sicher erreicht.

Camper-Sharing ist im Trend

Die Campingbranche boomt. Über eine halbe Million Wohnmobile waren zu Jahresbeginn in Deutschland zugelassen, so viele wie nie. Neu ist, dass man Reisemobile auch über Sharing-Portale ausleihen kann. Nach dem Vorbild von Airbnb bieten Plattformen wie ShareACamper, Yescapa oder Campanda Urlaubsfahrzeuge aus privater Hand – an. Die Auswahl reicht vom kompakten VW Bus bis zum vollintegrierten Luxusliner mit allerlei Komfort.

Die Idee: Wohnmobile sind in der Anschaffung teuer, stehen die meiste Zeit im Jahr aber nur herum. Über die Vermietung kann man einen Teil der Kosten wieder hereinholen. Die Nutzer wiederum müssen sich für den Urlaub kein eigenes Fahrzeug kaufen, sondern können es online über eine Sharing-Plattform entleihen. Das ist in der Regel auch günstiger als sich ein neues Wohnmobil über einen gewerblichen Anbieter zu leihen. Klassische Reisemobil-Vermieter sind Indie Campers, McRent oder Erento.

Herd, Kühlschrank – viel mehr braucht man nicht im Camping-Urlaub.

Für die Sharing-Testreise nach Polen stellt das Unternehmen Paul Camper drei Wochen ein recht geräumiges Alkoven-Wohnmobil zur Verfügung. Das Berliner Start-up ist mit über 5.000 Fahrzeugen eine der größten Camper-Sharing-Portale.

Testmobil ist in die Jahre gekommen

Der Dethleffs Globetrotter auf Basis eines Fiat Ducato wurde 1997 erstzugelassen und wartet am Rande Berlins auf seine Abholung. Wegen des alten Diesels bekommt das Fahrzeug keine grüne Plakette für die Innenstadt. Innenstadt-Bewohner müssen ihren Hausrat also mit eigenem Pkw nach Brandenburg bringen und das Urlaubsmobil dort beladen.

Die Ausstellfenster sind besonders fragil.

Bevor es losgehen kann, gibt der Vermieter eine knappe technische Einweisung. Gekocht wird am Gasherd, das Bordnetz kühlt unterwegs den Kühlschrank. Nettes Extra: In dem Globetrotter ist auf dem Dach ein Solarmodul nachgerüstet. Mit dem Gratis-Strom könnte man sogar ab und zu mal eine Nacht autark abseits der Campingplätze stehen. Legal ist dies in den meisten europäischen Ländern allerdings nicht. In Kroatien etwa drohen Wildcampern hohe Strafen.

Fragile Inneneinrichtung

Der Innenraum im betagten Dethleffs-Wohnmobil sieht gepflegt aus, ist aber in die Jahre gekommen. Insbesondere die Ausstellfenster sind empfindlich, die Scharniere brechen leicht. Die Verdunklungsrollos sind teils eingerissen. „So ein Fenster kostet neu 500 Euro“, warnt der Vermieter. Bei der Bedienung sollte man also vorsichtig sein. Und wenn man kleine Kinder an Bord hat, gut auf sie aufpassen. Denn die testen gerne einmal sämtliche Funktionen eines fahrenden Urlaubsdomizils.

Der 2,5-Liter-Diesel nagelt laut, verrichtet aber stoisch seinen Dienst.

Dann wird endlich der Motor gestartet und die Reise geht los. Gemütlich zuckelt der 3,5-Tonner Richtung Nordosten. Der 2,5-Liter-Diesel nagelt laut, verrichtet aber ohne Mucken seinen Dienst. Der Motor hat erst 130.000 Kilometer gelaufen, das ist für sein Alter nicht viel. Zudem ist der Zahnriemen laut Vermieter frisch gewechselt.

Vermieter müssen technisch einwandfreien Zustand belegen

Wer über Paul Camper ein Reisemobil vermieten möchte, muss versichern, dass es in technisch einwandfreiem Zustand ist. „Das überprüfen wir zum einen in den Profilen, unter anderem durch den Upload der Hauptuntersuchungsergebnisse“, sagt Plattform-Gründer Dirk Fehse. „Außerdem setzen wir auch auf unsere Community, die soziale Kontrolle und die Camper-Ehre.“

Auf der Testreise geht es nach einem Paddel-Wochenende in Mecklenburg-Vorpommern weiter an die polnische Küste. Während Berlin bei bis zu 40 Grad schwitzt, sind die Temperaturen an der Küste angenehm. Das ist gut, denn eine Klimaanlage hat unser 22 Jahre alter Globetrotter nicht an Bord.

Keine Airbags, Kurbelfenster statt Klimaanlage: Modernen Komfort bietet der alte Dethleffs Globetrotter nicht.

Auch Airbags gibt es nicht, die Fenster werden klassisch mit der Hand gekurbelt. Wer Komfort- und Sicherheitsassistenten gewohnt ist, muss Abstriche machen. Paul Camper bietet auf seiner Plattform aber auch viele Wohnmobile mit moderner Ausstattung.

Stolze Preise auch für alte Fuhren

Für den alten Dethleffs Globetrotter verlangt der Vermieter in der Hauptsaison 100 Euro pro Nacht, ein stolzer Preis. Dafür bekommt man auch eine hübsche Ferienwohnung aus Stein, nicht aus Sperrholz. Die hat aber eben keine vier Räder. Den Mietpreis bestimmt bei Paul Camper übrigens jeder Fahrzeugbesitzer selbst. Bei jeder Buchung gehen 15 Prozent an das Berliner Startup.

Die Fenster bleiben während der Reise heile. Dafür geht ein Scharnier der Gasherd-Abdeckung kaputt. Auf dem Campingplatz in Łeba mit seinen beeindruckenden Sanddünen bricht beim Abwaschen der Wasserhahn der Spüle. Und bei Kolberg quittiert die Kabelrolle für die externe Stromversorgung ihren Dienst.

Zusatzversicherung schützt im Schadensfall

Home. sweet Home: Der Alkoven bietet einer vierköpfigen Familie Platz – wenn auch nicht viel.

Solche Defekte sind nicht dramatisch und passieren im Campingalltag. Unklar ist oft, ob natürlicher Verschleiß oder eigenes Verschulden die Ursache ist. Wichtig ist beim Camper-Sharing daher, sich vor der Abfahrt ausreichend Zeit für die Fahrzeugbesichtigung zu nehmen. Jeder Defekt und jede Beule sollte penibel im Übergabeprotokoll festgehalten werden. Zu empfehlen ist ferner eine Zusatzversicherung, die Paul Camper gegen Aufpreis anbietet. Sie reduziert die Selbstbeteiligung im Schadensfall von 1.500 auf 250 Euro. Wenn ein Fahrzeug liegen bleibt, greift der europaweite Pannenschutz.

Der ist nicht notwendig, weil der Fiat-Diesel zuverlässig seine Dienste verrichtet. Trotz seines Alters geht es mit dem alten Globetrotter in Polen gut voran. Nach einer Rundfahrt entlang der Küste bis Danzig und zurück stehen am Ende 1.300 Kilometer mehr auf dem Tacho – und allerhand Erlebnisse im Reisetagebuch.

Dieser Text wurde zuerst bei mobile.de veröffentlicht.

 

 

 

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