Mit dem Volvo zum Politbüro

Der Verein Fuhrpark Ost-West pflegt die einstigen Dienstfahrzeuge von Erich Honecker und Genossen. Das waren zumeist teure Autos aus dem Westen – zum Beispiel Repräsentationsfahrzeuge von Volvo.

Von Haiko Prengel

Klimaanlage, elektrische Fensterheber, das Interieur in Edelvelours: Für DDR-Verhälnisse bot der Volvo 264 TE üppigen Komfort. Nur eine Servolenkung war nicht lieferbar, und auch kein Antiblockiersystem (ABS). „Das begünstigte im Ernstfall die Fluchtwende“, erklärt Martin Wundrack. Der Berliner ist Mitglied des Fuhrpark Ost-West. Der Oldtimer-Verein kümmert sich um eine ganz spezielle Sorte von automobilen Klassikern: um ehemalige Dienst- und Regierungsfahrzeuge.

Der gelernte Kraftfahrzeugbauer Wundrack pflegt den dunkelblauen Volvo 264 TE aus der Flotte des Politbüros der DDR. Deren Mitglieder saßen in den kantigen, verlängerten Schweden-Klassikern stets im Fond, am Steuer ihre Personenschützer. Zu deren Ausbildung gehörte auch die Fluchtwende im Falle eines Hinterhalts, also eine rasante 180-Grad-Drehung mit Vollgas. Und die gelingt ohne ABS deutlich besser.

Die TE-Version des Volvo 264 bot neben allerlei Komfortextras eine um 70 Zentimeter verlängerte Karosserie.

Die DDR-Führung wäre lieber Mercedes gefahren. Aber ein Auto vom Klassenfeind – das ging nicht

Das dunkelblaue Dickschiff umgibt auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch eine besondere Atmosphäre. „TE stand damals für Top Exklusiv„, sagt Wundrack. Basis war die legendäre 240er/260er Baureihe, deren Autos für viele heute als der Volvo schlechthin gelten. Viel Ecken und Kanten prägen ihr Design. Was Knautschzone und passive Sicherheit betrifft, setzten 240er und 260er in den Siebziger Jahren Maßstäbe. Dazu kam eine für damalige Verhältnisse üppige Ausstattung.

Die TE-Version wurde ursprünglich für das schwedische Königshaus entwickelt und bot neben allerlei Komfortextras eine um 70 Zentimeter verlängere Karosserie. 1976 begann dann die Staatsführung der DDR, den Volvo 264 TE als Repräsentationsfahrzeug zu ordern. Vor der Rücksitzbank befand sich eine zusätzliche dritte Sitzreihe mit Klappsitzen für Dolmetscher, manchmal wurde auch ein Schemel zum Ausstrecken der Füße installiert.

Der dunkelblaue Sechszylinder, der bei Martin Wundrack in Pflege ist, lief 1982 vom Band. „Er diente Konrad Naumann als Dienstfahrzeug“, berichtet der 47-Jährige. Naumann wurde 1976 Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED. Seinen Wohnort hatte er wie die meisten Politbüromitglieder in der Waldsiedlung Wandlitz. Bei den täglichen Fahrten zwischen dem streng abgeschirmten Areal und den Regierungsstellen in Ost-Berlin rauchte Naumann offensichtlich gerne – davon zeugen heute noch graue Krümel in den Aschenbechern im Fond des Volvo.

Die hochrangigen Genossen saßen in den kantigen, verlängerten Schweden-Klassikern stets im plüschigen Fond, am Steuer ihre Personenschützer.

„Der hat die Zigaretten gefressen“, sagt Wundrack lapidar. Aber auch dem Alkoholkonsum soll Naumann zugeneigt gewesen sein. Nach einer kritischen Rede wurde er im November 1985 seiner Ämter enthoben. Damit war er einer der wenigen Politbüromitglieder, die vor der friedlichen Revolution 1989 ihre Posten verloren.

Vom Volvo 264 TE orderte die DDR-Staatsführung ab 1976 insgesamt 135 Exemplare, zu einem Stückpreis von satten 100 000 D-Mark. Gebaut wurden die verlängerten Limousinen zunächst bei Bertone in Italien, später dann beim schwedischen Karosseriebauer Nilsson. Ihre Vorgänger als Dienstfahrzeuge, russische Tschaikas, waren in der DDR in Jahre gekommen. Eigentlich sollte das sozialistische Bruderland Tschechoslowakei Nachfolger der Marke Tatra liefern. Doch die waren teuer und galten als technisch unzuverlässig. Dazu kam der luftgekühlte V8 der Tatras, der unglaublich laut gedröhnt haben soll. „Da haben die in der DDR-Führungsriege gesagt: Dat Auto für dit Geld – niemals“, erzählt Martin Wundrack. Am liebsten wäre man in Ost-Berlin Mercedes gefahren, doch die Marke des Klassenfeinds sei politisch nicht korrekt gewesen. Also entschied man sich für Volvo.

Unter der Haube werkelte ein 2,7 Liter großer Sechszylinder.

Honecker stieg irgendwann auf Citroën um. Ihm gefiel die bequeme weiche Federung

Solche Anekdoten können Martin Wundrack und seine Vereinskameraden viele erzählen. Gegründet wurde der Fuhrpark Ost-West 2014. Ziel ist die Pflege und Erhaltung von Fahrzeugen aus der Zeit der friedlichen Revolution. Im Fuhrpark befinden sich Dutzende Autos, darunter viele Volvos, aber auch auch Tatras, Tschaikas, Ladas und andere Vehikel. „Fahrten in den Autos sind Zeitreisen“, sagt der Vereinsvorsitzende Rolf Mahlke.

Mahlke arbeitet als Zahnarzt in Wittingen, einer niedersächsischen Kleinstadt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Privat pflegt er eine bemerkenswerte Autosammlung von alten Autos aus dem Osten. Neben mehreren Volvos und einem Lada 2106 Funkstreifenwagen besitzt er auch einen Citroën CX 25 Prestige aus dem Fuhrpark von Erich Honecker. Der ehemalige DDR-Staatsratsvorsitzende stieg Ende der 70er Jahre nämlich von Volvo auf die französische Marke um.

Damals wollte Citroën in der DDR als Autohersteller einen Fuß in die Tür bekommen – praktisch als „Anfütterung“ habe Erich Honecker zwei CX 25 Prestige geschenkt bekommen, erzählt Martin Wundrack. Mit ihrer hydropneumatischen Federung seien die CX förmlich über die holprigen Straßen der DDR geschwebt. „Da war Honecker natürlich begeistert.“ Und fuhr fortan Citroën.

Beim Volk waren die Luxuskarossen in der DDR nicht. Die Bürger wurden damals gezwungen, am Straßenrand zu stehen und zu winken.

Bei allem Faible für die exklusiven Fahrzeuge gerät mitunter in Vergessenheit, dass die Dienst- und Regierungsfahrzeuge bei den DDR-Bürgern damals sehr unbeliebt waren. „Die Leute wurden rekrutiert und mussten am Straßenrand winken“, sagt Wundrack. Heute seien die Fahrzeuge dagegen Publikumsmagnete auf Oldtimer-Ausfahrten, ganz ohne Zwang. Rund 70 Fahrzeuge umfasst derzeit die Flotte des Vereins Fuhrpark Ost-West. Bislang ist der Osten klar in der Überzahl. Ex-Regierungsfahrzeuge aus dem Westen sieht man selten auf den Treffen. Lediglich der Mercedes des früheren Hamburger Oberbürgermeisters Henning Voscherau rollt dort manchmal vor.

Dieser Text wurde zuerst in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht.

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