Plastikvogel sucht Steckdose

E-Schwalbe vor Showroom

Das DDR-Kultmoped Schwalbe ist zurück: als smarter Elektroroller, ohne Zweitaktfahne. Wir haben das Retro-Gefährt getestet, das man in Berlin und München auch sharen kann. 
Wer die neue E-Schwalbe probefahren möchte, darf nicht zimperlich sein. Der Berliner Showroom liegt direkt am Alexanderplatz – und nach einer kurzen technischen Einweisung wird man in den hektischen Innenstadtverkehr geschickt. „Das sollte passen“, sagt der Store-Mitarbeiter, nachdem er mir sicherheitshalber einen Roller mit zwei Akkus startklar gemacht hat. Vorsichtig taste ich mich mit dem Gefährt auf die Straße und drehe am Gasgriff. Prompt düsen wir los, ganz lautlos, ohne Geknatter.

Gleich geht’s los – Probefahrt mit Elektro-Schwalbe

Der DDR-Kultroller Schwalbe ist zurück. Statt Einzylinder-Zweitaktmotor setzt die Neuauflage auf zeitgemäßen Elektroantrieb in Kooperation mit Bosch. Das Zweirad, das man praktischerweise mit Pkw-Führerschein fahren darf, stammt also nicht mehr von Simson aus dem thüringischen Suhl. Sondern vom Elektrofahrzeugbauer Govecs aus München. Produziert wird aber weiter im Osten: Produktionsstandort des Retro-Vogels mit dem Namen L1e ist Polen.

Bosch liefert der Motor zu
Motor vom Zulieferriesen: Bosch steuert die E-Maschine bei. Und auf Wunsch auch ein ABS

Was den Nostalgiefaktor betrifft, hat Govecs (Firmenmotto: „Fahrzeuge, die Spaß machen“) wohl ins Schwarze getroffen. Die neue E-Version wirkt der klassischen Schwalbe sehr ähnlich, was Formengebung und Optik betrifft. Der runde Scheinwerfer im eckigen Gehäuse, die Riffeln in der Seitenverkleidung und der verchromte Gepäckträger: Angelehnt an das Kultmodell KR51 wurden viele Designmerkmale übernommen.
Die Preise starten bei 5.390 Euro. Über ein Händlernetzwerk wird die E-Schwalbe nicht vertrieben, stattdessen kann der Scooter über einen Online-Konfigurator nach persönlichen Vorlieben zusammengestellt werden. Die Konkurrenten heißen unu oder der Sharing-Scooter Coup: In den Metropolen sieht man elektrifizierte Motorroller immer häufiger. In den verstopften Innenstädten haben die wendigen Zweiräder ihre größte Stärke.

 

Display für Minimalisten
Das Display mutet simpel an – und zeigt auch nicht mehr an, als man unbedingt braucht

„Oh, eine Schwalbe“ oder „Mmmmh, schöne Farbe!“ – wer mit der neuen E-Schwalbe unterwegs ist, kann sich auf viele Reaktionen von Passanten einstellen. Die meisten sind positiv. Offensichtlich ist das Kleinkraftrad der DDR noch immer vielen in Erinnerung, jedenfalls im ehemaligen Osten, wo unsere Testfahrt an diesem sonnigen, aber ziemlich kalten Tag hinführt. Auf der rechten Spur flitzen wir vom Alex die Karl-Marx-Allee herunter, vorbei an den sozialistischen Wohnblöcken. Fast 1,2 Millionen Mal wurde die Schwalbe zu DDR-Zeiten gebaut, kein anderes Kleinkraftrad war so erfolgreich. Mit seinen dreieinhalb PS war der Blechvogel das Alltagsgefährt für Arbeiter, Krankenschwestern, Studenten und Landwirte gleichermaßen. Heute findet man die alte Schwalbe am häufigsten in hippen Altbau-Kiezen, als cooles Mobil für die Sommermonate.

E-Schwalbe: Auf Plastik geklopft

Vom guten, alten Blech ist nicht mehr viel geblieben. Wer die neue Elektro-Schwalbe näher in Augenschein nimmt, klopft auf eine Außenhaut aus Plastik. Trotzdem ist der Scooter erstaunlich schwer und wuchtig. Für weniger kräftige Piloten gibt es deshalb den Extra-Fahrgang „Crawl“, mit dem man das 120 Kilogramm schwere Gefährt im Vor- oder Rückwärtsgang rangieren kann. Bei den Fahrtmodi sind drei Stufen wählbar: Uns wird zur Eingewöhnung der Eco-Modus „Go“ empfohlen, der eine mäßige Beschleunigung bei maximaler Reichweite garantiert. Darüber hinaus gibt es den schnelleren Cruise- und den Race-Modus „Boost“, der laut Govecs maximale Power „für unglaublichen Fahrspaß“ verspricht.

Der alten DDR-Schwalbe zum Verwechseln ähnlich
Etwas größer in den Abmessungen, aber dem Original recht nah: Die E-Schwalbe sieht dem alten Zweitakter-Vorbild ziemlich ähnlich

Tatsächlich fährt sich die neue Schwalbe flott, auch wenn die Endgeschwindigkeit auf 45 km/h begrenzt ist – beim Klassiker KR51 beträgt sie 60 km/h. Schon die Beschleunigung im Eco-Modus „Go“ reicht aus, um im City-Verkehr mitzuhalten. Wer den Gasgriff bis zum Anschlag dreht, kann beim Ampelstart so manches Auto abhängen. Etwas unkomfortabel ist die Bedienung. Den Blinker muss man nach jedem Abbiegen manuell ausschalten. Mit der „Go“-Taste kann man auf dem Display den wenige Daten umfassenden Bordcomputer aufrufen.
Der errechnet für unsere Probefahrt eine zurückgelegte Gesamtdistanz von 18 Kilometern – also ein typischer Arbeitsweg in der Stadt. Bei unserem Start hatten die beiden Akkus noch eine Kapazität von 88 Prozent und über 100 Kilometer Reichweite, bei unserer Rückkehr war diese auf 61 Prozent geschrumpft. Dieser Wert sei aber auch temperaturbedingt und dem kalten Wetter geschuldet, erklärt der Store-Mitarbeiter am Alexanderplatz. Im warmen Showroom würden sich die Akkus rasch wieder erholen.

Laden nur am Roller: Die Akkus sind nicht entnehmbar
Der große Nachteil: Die Akkus der E-Schwalbe sind fest verbaut

Das ist auch gut so, denn das Aufladen ist der große Schwachpunkt der neuen E-Schwalbe. Die Akkus sind fest installiert, das Ladekabel befindet sich unter der Sitzbank. Wer eine eigene Garage hat, kann den Scooter bequem am Stromnetz anschließen. In 4,5 Stunden soll sich ein leerer Akku voll aufladen, zudem gibt es eine Schnelllade-Funktion von 0 auf 50 Prozent in den ersten anderthalb Stunden. Doch wer in einem Mietshaus in einer höheren Etage wohnt, hat ein Steckdosen-Problem. Dafür gibt es als Extra wenigstens eine USB-Buchse unter dem Sattel.

Eine Version für die Spaßfraktion

Auch das Nachrüsten einer zweiten Batterie ist nachträglich nicht möglich. „Überleg‘ Dir bitte deshalb vor der Konfiguration, ob Deine Schwalbe 63 km oder 125 km Reichweite haben soll“, empfiehlt Govecs seinen Kunden. Aber das Akku-Problem scheint man erkannt zu haben. Ein Modell mit herausnehmbarem Speicher sei bereits geplant. Dafür können auf mehr Sicherheit bedachte Kunden ein ABS als Extra bestellen.

Erst einmal aber ist die Spaßfraktion mit der mittlerweile verfügbaren E-Schwalbe L3e dran. Bis zu 90 km/h bringt dieser Vogel auf den Tacho. Dabei beschleunigt der Motor in 3,8 Sekunden von 0 auf 50 km/h. Nur: Für diese Version benötigen Fahrer eine Fahrerlaubnis der Klasse A1.

 

Technische Daten: Elektroroller Schwalbe L1e
• Motor: Elektro-Motor mit Lithium-Ionen-Batterien
• Leistung: 5,4 PS (4.0 kW)
• Getriebe: Automatik
• 0-45 km/h: 5,0 s
• Höchstgeschwindigkeit: 45 km/h (abgeregelt)
• Reichweite: maximal 63 km (mit zwei Akkus bis 125 km)
• Leergewicht: ca. 120 kg (135 kg mit zwei Batterien)
• Länge: 1,96 m
• Breite: 0,88 m
• Höhe: 1,13 m
• Preis: ab 5.390 Euro

 

Text und Bilder: Haiko Prengel 

Der Text ist in leicht veränderter Form zuvor auf mobile.de erschienen.

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