Paranoia im Panamera: Porsche Plug-in-Hybrid auf Hochtouren

Ausgerechnet der Plug-in-Hybrid des Viertürer-Porsches ist die schnellste der Panamera-Baureihe. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Mit öko hat der Plug-in-Hybrid wenig zu tun. Eher eine Spaßrakete mit einem Schuss Wahnsinn ist der ultrateure Reisesportwagen Panamera Turbo S E-Hybrid

Mein Kumpel hat sich zum Auspuffendrohr heruntergebäugt, um mal zu hören, was für ein Sound da so rauskommt. Ich sitze hinterm griffigen Sportlederlenkrad und drücke im Leerlauf auf das Gaspedal. Hinten passiert ein Gewitter, das hüstelnd abklingt, als ich den Fuß wieder hebe. „Geisteskrank.“ Mehr fällt meinem Kumpel nicht ein.

Sieht gut aus - klingt noch besser: der Auspuff links. Man könnte auch recht hinhören
Sieht schon gut aus – klingt aber noch viel krasser: die Auspuffanlage

Nun verhält es sich so: Mit dem Auspuffpolter des Panamera Turbo S E-Hybrid zu spielen, trifft vielleicht nicht gerade den Kern des elektrifizierten Viertürers, das könnte man auch mit jedem anderen Porsche tun.

Auf der anderen Seite ist das so abwegig nun auch wieder nicht, denn große Teile der Arbeit verrichtet nach wie vor der Verbrenner, in diesem Fall ein V8, der den Panamera im Zusammenspiel mit der 136 PS starken E-Maschine zum stärksten der Baureihe macht. Und Porsche ist stolz drauf: „Die Boost-Strategie wurde direkt vom Supersportwagen 918 Spyder abgeleitet“, verkündet der Hersteller.

Blick unter die Haube, wo das Gespann aus E- und V8-Motor sitzt
Verkapselt, aber nicht verklemmt: das Motorgespann

Gemeint ist der elektrische Extraschub, der schon auf dem Blatt für Beeindruckendes sorgt. Zwar verfügt der V8 über zwei Turbolader, doch was die konventionellen Abgastricks an möglichen Löchern zurücklassen, stopft der Elektromotor.

Knapp über der Leerlaufdrehzahl – ab 1400 U/min – liegen brachiale 850 Newtonmeter an Maximal-Drehmoment an. Von einer Drehmomentkurve kann dabei kaum noch die Rede sein, denn der Wert bleibt bis 5000 Motorumdrehungen konstant. Kein Porsche mobilisiert mehr, kein 911 GT2 RS, kein Cayenne.

Man könnte sich fragen, was das Zusammenspannen von E- und V8-Motor noch mit Brückentechnologie auf dem Weg ins Elektrozeitalter hat. Antwort: Rein gar nichts.

Schriftzug im Neon-Look
Modische Ästhetik: die in Neon abgesetzten Schriftzüge

Das bedeutet Folgendes: Die Kooperation der Maschinen erzeugt Achterbahngefühle. Als ich auf freier, trockener, schnurgerader und bei bester Sichtweite bis wohl in zwei Kilometern Entfernung leergefegter Landstraße das Gaspedal im Sport+-Mode senke, befällt mich ein leichter Schwindel, der jedes Mal, wenn das Doppelkupplungsgetriebe die nächste Stufe reinknallt, etwas intensiver wird.

Drehmoment-Monster: 850 Nm sind drin
Gegenverkehr abwarten und dann durchstarten – ab 1400 Umdrehungen stehen fulminante 850 Nm stets zu Diensten

Die Kraftentfaltung ist so immens, dass selbst die minimale Zugkraftunterbrechung beim Gangwechsel, etwas mit dem Körpergefühl anstellt. Vom Beifahrersitz kommt ein Jauchzen und ein „Krass“. Klar, dass der Kumpel sich auch die Testfahrt nicht entgehen lässt.

LED-Lichtsignatur im Vier-Punkt-Look

Souverän geht der Wagen, den Porsche als Reisewagen annonciert, durch die Kurven. Die Traktion ist aufgrund des Allradantriebs ohnehin grundsätzlich gut. Eine variable Drehmomentverteilung sorgt zudem für bestes Einlenkverhalten: Dabei bremst das System das kurveninnere Hinterrad ein und sorgt für präziseres Lenkverhalten.

Eine Wankstabilisierung sorgt zusätzlich dafür, dass Zirkeln das passende Attribut dafür ist. Übersteuern? Untersteuern? Nicht die Bohne. Nur wer das Experiment wagt, beim Abbiegen an der Ampel kräftig zu Beschleunigen, merkt wie die Fahrdynamikregelung die rebellischen Ambitionen des Hecks dann im Keim erstickt.

Schriftzüge und Bremssättel in Signalfarbe Neon
Da ist es wieder, das Neon. Auch die Keramikbremsen leuchten selbstbewusst

Dass man den Schleuderschutz auch ausstellen kann, gehört zum sportlichen Gebaren, empfehlenswert ist das nicht. Dass ein Reisewagen so viel Hochleistungskompetenz benötigt, könnte man bezweifeln – es sei denn PS-Freaks unter sich gehen auf Tour.

Zum Reisemodus passen neben den ultrabequemen und variabel mit Sitzflächenverlängerung und Lordosenstütze auf allen Plätzen einstellbaren Sitzen, dem edlen Raumambiente und der edlen Haptik beim Bedienen der Softtouch-Bedienfelder in der Mittelkonsole eher auch die Luftfederung, die Schläge aufgrund von Unebenheiten der Fahrbahn weitgehend abfängt, aber auch das Fahrwerk für eine bessere Straßenlage absenken kann.

Leder und guter Look: der Panamera-Innenraum
Außerordentlichen Innenraum: Im Panamera sitzt es sich mehr als bequem…

Nun unterscheidet den Plug-in-Hybriden von den rein mit Verbrennern befeuerten Panameras, dass er auch rein elektrisch fahren kann. Doch das ist nur ein ökologisches Feigenblatt. Zwar spricht Porsche von bis zu 50 möglichen Kilometern im Flüstermodus, die der 14,1 kWh-Akku an Reichweite zu mobilisieren im Stande sei. Damit könnten Pendler lokal emissionsfrei fahren.

TV und Soft-Touch-Bedienpanel für die Klimaautomatik im Reisefond
… und wem die Raserei zu langweilig wird, macht einfach die Glotze an

Zudem lasse sich die Batterie in nur 2,4 Stunden dank einer im Porsche Panamera Plug-in-Hybrid integrierten und als Extra erhältlichen Ladevorrichtung mit 7,2 kW laden. Doch dass die 50 Kilometer zur Verfügung stehen, ist schon dann nicht mehr der Fall, wenn man die Elektro-Power ein paar Mal als Zusatz-Turbo genutzt hat – noch ein paar Kilometern, zugegeben teils beherzter Fahrt, lasen wir im Touchscreen 12 Kilometer Restreichweite ab.

Schnell ist der Antriebsakku leer gesaugt
Was vom Akku übrig blieb

 

Das bedeutet: Entweder man fährt den Plug-in-Hybrid-Panamera dezent, was seinem sportlichen Charakter widerspricht. Oder man fährt ihn, wie er als Sportwagen gemeint ist, was sein Öko-Potenzial eindampft. Mehr noch: Wird die Batterie zu sehr geschröpft, dient der Verbrenner als Generator, um die Systemleistung zu gewährleisten. Nachhaltige Stromproduktion sieht anders aus.

Der durchaus reisetaugliche Kofferraum wird im Volumen durch das Ladekabel geschmälert

Offiziell bleibt es allerdings bei den 2,9 Litern Normverbrauch und dem damit verbundenen niedrigen CO2-Ausstoß. Letzterer ist auch der Grund, warum Porsche ein solches Auto baut, um Strafzahlungen im Fall zu hoher Emissionswerte zu vermeiden. Davon unbenommen ist der Fahrspaß, den der Porsche Panamera Plug-in-Hybrid beschert und zeigt, wie Autofahren die Grenzen zum Wahnsinn ausloten kann.

Hübsch und teuer
Wird von den meisten Beobachtern als ein hübsches Auto registriert: der Porsche Panamera

Technische Daten und Preise

Porsche Panamera Turbo S E-Hybrid
Motor/Antrieb: V8-Turbobenziner mit 505 PS gekoppelt an eine E-Maschine mit 136 PS (Systemleistung 680 PS), 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, Hubraum: 3996 cmm, max. Drehmoment (Nm) bei U/min: 850/1400

Abmessungen: Länge/Breite/Höhe/Radstand: 5,05 cm/1,94 cm/1,43 cm. Kofferraum: 405 – 1245 l

Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit: 310 km/h; Beschleunigung von 0 auf 100: 3,4 Sekunden

Normverbrauch: 2,9 Superplus; 16,2 kW/h

CO2-Ausstoß: 66 Gramm pro Kilometer

Ausstattung: Allradantrieb mit Drehmomentverteilung, adaptive Luftfederung, aktive Wankstabilisierung, Stankklimatisierung, Digitalinstrumente, LED-Scheinwerfer, Tempomat, Navigationssystem, Zwei-Zonen-KLimaautomatik, Tempomat, acht Airbags, Teillederpolster, Sportlederlenkrad, 21-Zoll-Leichtmetallräder, Keramikbremsen, Soundsystem.

Extras: LED-Matrix-Scheinwerfer (1060 Euro), Panoramadach (2106 Euro), klimatisierte Massagesitze vorn und hinten (3165 Euro), Nachtsichtassistent (2332 Euro), Spurwechselassistent (821 Euro), Spurhalteassistent mit Verkehrszeichenerkennung (1060 Euro), Burmester-Soundsystem (5330 Euro), On-Board-Lader mit 7,2 kW (714 Euro), elektr. Sonnenrollos hinten (500 Euro).

Stärken: Kompromisslose Beschleunigung, agiles Handling, präzise Lenkung, ausgewogener Fahrkomfort, sicheres Kurvenverhalten, edle Materialanmutung, umfangreiche Ausstattung, viele Assistenten erhältlich.

Schwächen: Ultrahoher Anschaffungspreis, unübersichtliche Karosserie, Realverbrauch viel höher als der Normverbrauch, eingeschränktes Ladevolumen aufgrund Ladekabel, sehr hohe laufende Kosten,teure Zusatzausstattung.

Alternativen: Audi A7, Mercedes CLS, Mercedes S-Klasse Coupé, BMW 6er Gran Coupé, Aston Martin Rapide S.

Preis: ab 185.736 Euro. Kosten: 2355 Euro/Monat. Die Preisliste für den Porsche Panamera beginnt bei 90.655 Euro.

 

Text und Bilder: Stefan Weißenborn

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