Velomobile im Elektrozeitalter: Wetterfeste Pedelecs werden zum Autoersatz

Velomobile gibt es schon lange. Doch eine Alternative zum Auto sind die mal drei-, mal vierrädrigren Vehikel bislang nicht. Das könnte sich mit ihrer Elektrifizieung ändern – zumindest im Stadt- und Pendelverkehr.

Velomobile, bislang meist windschnittig verkleidete Liegefahrräder mit Freak-Appeal, scheinen etwas für Überzeugungstäter zu sein. Etwas für eine spezielle Kundengruppe, die sich über die Kuriositäten der Szene gern zur „Spezi“ informiert, der jährlichen Spezialradmesse im pfälzischen Germersheim.

Liegen,treten, gucken: Unterwegs auf der „Spezi“

Dabei hätten Velomobile mit Fahrgastzelle, nüchtern betrachtet, das Zeug zum Autoersatz – wobei die Idee seit Jahrzehnten schwelt, durch die Elektrifizierung aber neuen Auftrieb bekommt.

Lösung des Abgasproblems?

Urlaubsreisen werden auf absehbare Zeit wohl etwas für Spezialisten oder eben Autofahrer bleiben. Das Problem mit dem knappen Parkraum, den Blechlawinen zu Stoßzeiten oder den in vielen Städten überschrittenen Grenzwerten für Stickstoffoxide und Feinstaub könnten Velomobile dagegen lösen helfen.

Vorteil auf drei Rädern: Das Veemo unterwegs im kanadischen Vacouver

Nachdem erste so genannte VeIocars wie das Landskiff von Manfred Curry bereits in den 1920er-Jahren existierten, der Konkurrenz des aufkommenden Autos aber nicht gewachsen waren, gab es interessante Vehikel, Prototypen oder auch nur Skizzen spätestens zu Zeiten der Ölkrisen in den Siebzigerjahren wieder, als das Umweltgewissen anklopfte und darüber sinniert wurde, die Muskelkraft als Antrieb für Alltagsfahrzeuge zu nutzen.

Zum Beispiel konstruierte der Däne Carl Georg Ramussen die Leitra, ein verschaltes Liegedreirad in Tropfenform. Zunächst in den USA entstand eine Szene der Human Powered Vehicles (HPV). Die Sache mit dem Alltagsnutzen blieb lange Zeit Utopie, wohl ein Grund, aus dem sich die Szene bald auf das Aufstellen von Geschwindigkeitsrekorden konzentrierte.

Macht auf wintertauglich: das Velomobil Elf

Doch seitdem der E-Antrieb das Fahrrad erreicht hat, kommen neue Konzepte auf – viele davon ebenfalls aus den USA oder Kanada: der Elf von Organic Transit, der PodRide, der Raht Racer von Kronfeld Motors oder der VeeMo von Velo Metro, der in einer kleinen Testflotte noch in diesem Herbst auf dem Campus der University of British Columbia in Vancouver von Studenten henutzt werden kann.

Von der flotten Sorte, aber nix für den Radweg: Der Raht Racer ist an die 150 km/h schnell

Die Firma Onyx Composites aus Osnabrück entwickelt derzeit mit dem Mio ein ultraleichtes „Bio-Hybrid-Mobil“, ebenfalls mit dem Antriebs-Mix aus E-Motor und Pedalkraft. Auch in Deutschland gibt es Bemühungen, die Lücke zwischen Auto und Pedelec zu schließen.

Mio, mein Mio: Muskel- trifft Elektro-Power

„Diese kommende Fahrzeugkategorie würde ich am besten als ‚Covered E-Bikes‘ für den urbanen Einsatz bezeichnen“, sagt Robert Schulze von der Berliner Firma Vilgard, die 2015 den vierrädrigen Vilgard als ideales Pendlerfahrzeug vorstellte, aber derzeit händeringend nach Finanzierungsmöglichkeiten sucht.

Ein Name wie aus Herr der Ringe: der Vilgard beim virtuellen Kaffee-Stop in Berlin

Auf seiner Homepage rechnet Vilgard Motor vor, auf urbanen Autofahrten seien durchschnittlich 1,1 Personen an Bord, die Tagesdistanz liege bei 20 Kilometern. Ein Leichtes also für das 2,50 Meter lange Vilgard mit Kindersitz und einem kleinen Kofferraum, das mit einer Akkuladung 100 Kilometer weit kommen soll. Die Fahrt zu Arbeit oder Kita, den Supermarkteinkauf, die Stippvisite bei Freunden – alles gut machbar.

Easy to pull in: Velomobile wie der Vilgard benötigten kaum Parkraum

Aber sowohl die Auto- als auch die Fahrradindustrie tue sich schwer mit der neuen Fahrzeugkategorie. „Sie wollen die Lücke nicht freiwillig schließen. Die einen haben kein wirtschaftliches Interesse, die anderen nicht die Mittel dafür“, sagt Schulze. Wobei: Auch der Automobilzulieferer Schaeffler agierte schon und zeigte 2016 die Studie Bio-Hybrid.

Führerscheinfrei am Stau vorbei

„Die reine Elektromobilität im Pkw-Bereich wird nicht ausreichen, um nachhaltige, energieeffiziente Mobilität für morgen zu garantieren“, sagte Technologie-Vorstand Peter Gutzmer zur Vorstellung der Studie.

Die Bio-Welle hat die Pedelecs erreicht: Schaefflers Bio-Hybrid von 2016

Etwas weiter auf dem langen Weg von der ersten Idee zum fertigen Produkt ist das Podbike, das ein Ehepaar aus Norwegen in diesem Jahr auf der „Spezi“ als Prototypen vorstellte. „Wir bauen gerade eine Testserie von zehn bis zwölf Podbikes auf“, sagt Anne-Lise Heggland, Mitgründerin von Podbike AS in Sandnes südlich von Stavanger.

Das Podbike soll den Standard der Velomobile neu definieren, so wünschen es sich Heggland und ihr Mann Per Hassel Sørensen, der Tüftler hinter dem Projekt. Den Anstoß, ein Velomobil als funktionalen Autoersatz auf die Räder zu stellen, gab ausgerechnet ein Unfall mit einem SUV, bei den Sørensen als Fahrradfahrer verletzt wurde. „Danach fühlte er sich unsicher im Verkehr und begann seine Suche nach einem sichereren Fahrzeug, das aber ein Fahrrad bleiben sollte“, erinnert sich Heggland.

Platz für zwei: Im Podbike sorgt ein Erwachsener für die Pedalarbeit, hinten fährt ein Kind mit

Das gut 2,20 Meter Meter lange Podbike bietet auf zwei hintereinander angeordneten Sitzen Platz für zwei Passagiere – einen Erwachsenen und ein Kind. Auch einen kleinen Gepäckraum beherbergt die Fahrgastzelle, in der die Insassen durch ein Filtersystem aufbereitete Luft atmen. Die Hauptaufgabe der Kabine neben dem Wind- und Regenschutz aber darin besteht, Folgen möglicher Unfälle durch integrierte Crashelemente abzumildern, die die Aufprallenergie verteilen. „Der Wetterschutz und etwas Komfort wird auch Leute überzeugen, die bis heute kein Rad fahren“, meint Heggland.

Wie ein normales Pedelec und auch andere Velomobile bietet das knapp 50 Kilogramm schwere Kabinen-Bike dem Fahrer eine elektrische Tretunterstützung bis 25 km/h. Es besitzt zwei Nabenmotoren, an jedem Hinterrad einen. Ihre Kraft beziehen sie aus einem Akkupack, der seine Energie aus einem Generator erhält, der über Pedalarbeit angetrieben wird.

Im Stand lassen sich die Akkus über Solarzellen auf dem Dach einer eigens konstruierten Garage laden – ansonsten kann es auch überall platzsparend parken, denn es lässt sich hochkant auf dem Heck abstellen. Ab Ende 2018 will man soweit sein und die ersten Podbikes zum Stückpreis von 50 000 norwegischen Kronen (5350 Euro) ausliefern.

Der wohl größte Vorteil verbirgt sich hinter EN 15194, dem Kürzel einer Europäische Norm für Pedelecs zum Schutz vor „elektrischen Gefährdungen“, die auch das Podbike erfüllt. Was bedeutet das? Fahrer benötigen wie beim zweirädrigen Pedelec keinen Führerschein. Leistungslimitierte Vehikel wie auch Schaefflers Bio-Hybrid oder das VeeMo dürften damit auf Fahrradwege.

Damit pedaltrenetende Pendler dort aber auch verlässlich am Stau auf der Straße vorbei surren, müsste die Infrastruktur fahrradfreundlicher werden. Da passt es gut, dass die Bemühungen um Radschnellwege in Deutschland derzeit Gestalt annehmen.

Text: Stefan Weißenborn, Bilder: Hersteller/Firmen

2 Kommentare

  1. Da da noch fehlt ist das Cit-Kar welches von der Entwicklung her weiter ist und in Deutschland entwickelt wird. Fast selbes Prinzip aber mehr auf lasten ausgelegt.

    1. Danke für den Hinweis, dem gehe ich mal nach!

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