Durchstarten und abwarten – Wie Start-ups die Branche mit E-Autos aufmischen

In zwei Sekunden auf 100 km/h – das ist schneller als ein Tesla im berüchtigten “Wahnsinns“-Modus. Der elektrische Supersportwagen Owl von Aspark, einem japanischen Mischkonzern, der neuerdings auch bei den Elektroautos mitmischen will, soll diesen Rekord auf der Pfanne haben. Auch andere E-Auto-Start-ups betreten die Bildfläche und wollen reüssieren.

Unter der Carbonkarosserie des platten Boliden mit dem Heckflügel, der vor kurzem auf der Frankfurter IAA am Aspark-Messestand parkte, gehen – verwunderlicherweise – zwei je nur 40 kW leistende E-Motoren zu Werke. Dank spezieller Kondensatoren steige die Systemleistung aber auf bis zu 436 PS, so Aspark. In Verbindung mit nur 900 Kilo Autogewicht sei das fast Unmögliche aber möglich. Zwei Sekunden! Bei der Reichweite gibt es jedoch einen Durchhänger zu vermelden: Nur 150 dürftige Kilometer sind mit einer Akkuladung drin.

Like wirklich no other? Der Owl will der Dominator sein. Doch dazu muss er selbst erstmal real werden

Aber einen gesteigerten Realitätsbezug hat das zum möglichen Markstart in zwei Jahren rund 3,5 Millionen Euro teure Hypercar ohnehin nicht – und das hat Methode bei den Start-ups oder auch den Start-up-ähnlichen Ausgründungen branchenfremder Unternehmen, die es mit Elektroautos versuchen. „Man braucht Aufmerksamkeit„, sagt Stefan Bratzel, Autoexperte von der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch-Gladbach. Ohne Aufmerksamkeit, kein Image, ohne Image keine Erfolge.

Auch Tesla hat mit Eindruck schindenden Modellen wie dem Model S angefangen. Die Youtube-Filme mit verzerrten Beifahrergesichtern im „Wahnsinns“-Rausch haben fast schon KultCharakter. Mit dem neuen Model 3 setzt sich der US-Hersteller nun an den gemachten Tisch – das einstige Start-up um den Milliardär Elon Musk ist an der Börse derzeit mehr wert als BMW – und hofft, dass die Kundschaft endlich in Massen zuschlägt.

Rimac Automobili aus Kroatien stellte auf der IAA 2011 sein Concept One vor, das ebenfalls als das weltweit spurtstärkste E-Autos beworben wurde (2,8 Sekunden, siehe Video unten). Bis jetzt entstanden ist eine Kleinstserie. Getoppt würde der Bolide vom Elextra EV aus der Schweiz, ein derzeit nur in Form von Computergrafiken aufgetauchter viertüriger E-Supersportwagen (2,3 Sekunden). Zur schnellen Elektrogarde soll einmal auch der zweitürige GT des britischen Start-ups Alcraft Motor gehören, während Lucid Motors aus Kalifornien mit einer präparierten Version seiner viertürigen E-Limousine Air den Geschwindigkeitsrekord für Batterieautos vor kurzem auf 235 mph gesetzt hat. Die zivile Version mit 400 PS soll – wie auch ein auf der IAA vorgestelltes SUV-Konzept des taiwanesisches Start-ups Thunder Power mit bis zu 650 Kilometern Reichweite – für umgerechnet rund 60 000 Dollar ein wahrer Tesla-Fighter werden.

Auch ein Tesla-Fighter? E-Coupé von Thunder Power

Dass derzeit so viele Neustarter loslegen, liegt Bratzel zufolge an den Geschäftsmöglichkeiten, die der Wandel der Autobranche birgt. „E-Mobilität ist ein Riesentrend geworden“, sagt er. Die Markeintrittsschwellen seien niedriger aufgrund der weniger komplexen Technik von E-Autos und den damit niedriger ausfallenden Anfangsinvestitionen. Weil sich auch die Zulieferindustrie längst global aufgestellt habe, sei es leichter als früher, Module zuzukaufen.

Klarer Fall von GT: Nur ganz schön schnittig und elektrisch, die Vision von Alcraft

 

Seit dem Jahr 2000 sind laut einer Analyse der Beratungsfirma Oliver Wyman von Anfang des Jahres in der Automobilbranche weltweit über 1000 Unternehmen entstanden. „Eine solch hohe Zahl hat es im Automobilsektor seit den Pionierjahren ab Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr gegeben“, so Mobilitätsexperte Andreas Nienhaus von der Beratungsfirma Oliver Wyman.

Down in the Air: Gefahrenwerden im loungeartigen Lucid-Renner

Die Neuen versuchen es nicht nur über Show-Effekte. Einen eher sozialen Anspruch haben Doktoranden der Technischen Uni München, die auf der IAA 2017 das aCar zeigten, einen einfachen Pritschenwagen mit 1000 Kilo Nutzlast, der speziell für Aufgaben in der Entwicklungszusammenarbeit mit afrikanischen Staaten konzipiert ist. Derzeit sind die Wissenschaftler auf Investorensuche, doch kommt das aCar, soll es einmal nur 10 000 Euro kosten.

 

It’s aCar: Ein Prototyp des Elektro-Pick-ups unterwegs in Ghana

Ein anderer Vorstoß aus München kommt von Sono Motors. Mit Hilfe von per Crowdinvesting aufgetriebenem Geld baute das junge Unternehmen den Prototypen eines Elektrovans mit 250 Kilometern Reichweite. Nun soll der Sion als weltweit erstes Elektro-Serienauto, das seinen Strom auch über Solarzellen generiert, bis 2019 marktreif werden – ebenfalls mit Investorengeld aus der Internet-Community. Auf der Internetseite kann vorbestellt werden – zum Stückpreis von 16 000 Euro ohne Batterie.

Designlastig wäre übertrieben: Schließlich braucht der Sion (Ähnlichkeiten mit einem Kölner Bier rein zufällig) viel Fläche für die Sonne

Dass vor allem Ausgründungen aus dem universitären Umfeld ohne Hilfe der Autoindustrie zum Erfolg führen können, belegt der Elektrotransporter der Deutschen Post, hervorgegangen aus einem Start-up im Umfeld der RWTH Aachen. Mittlerweile produziert die Post das Fahrzeug selbst, in der Autobranche hatte sie keinen Kooperationspartner gefunden. Aktuell sind bundesweit über 3000 E-Transporter im Paket- und Briefdienst im Einsatz. Mittelfristig will die Post, inzwischen mit Unterstützung von Ford, komplett auf den Stromer umstellen.

300 Solarzellen an Dach, Seiten und Haube: „Damit kann der Sion bis zu 30 Kilometer am Tag nur durch die Energie der Sonne zurücklegen“, so das Start-up Sono Motors

Günther Schuh, Professor für Produktionssystematik an der RWTH und Mitentwickler des Postautos, hat bereits sein nächstes Projekt angeschoben: Er gründete 2015 e.GO Mobile AG und plant für 2019 den Serienstart des elektrischen Stadtauto e.Go Life, ein Viersitzer von 3,35 Meter Länge. Die Preise sollen bei 15 900 Euro starten – ohne staatliche Umweltprämie. Stand heute wäre es das günstigste E-Auto, das es in Deutschland zu kaufen gibt. Die Serienfertigung in einer in Aachen errichteten Produktionshalle soll 2018 beginnen.

Will nicht egozentrisch sein, sondern emissionsfrei der Stadtluft zugute kommen: der E.go Live

Während die Chancen für den e.Go mit der Erfahrung des Post-Autos im Rücken gut stehen, geht Experte Bratzel davon aus, dass nur ein Bruchteil der neuen Player überleben wird. „95 Prozent haben keine Chance, die werden wir in 5 bis 10 Jahren nicht mehr sehen.“ Ganz anders erging es Build Your Dreams aus China: BYD, einst ebenfalls ein Start-up, ist mittlerweile der größte Hersteller von E-Autos im größten Pkw-Markt der Welt. Faraday Future aber, eine kalifornische Schmiede, die mit großen Worten und Plänen, einem chinesischen Milliardär als Geldgeber und einem ultraschnellen Elektro-Flitzer FF91 2016 für Furore sorgte? Tritt derzeit auf die Bremse. Im Sommer gab das Start-up den Baustopp seiner E-Auto-Fabrik in North Las Vegas bekannt.

 

Faraday Future, eines der vor Kurzem noch viel versprechenden E-Auto-Start-ups, ist ins Stocken geraten
Ins Stocken geraten: Faraday Future mit dem FF91

Text: Stefan Weißenborn, Bilder: Start-up/Hersteller

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