Digitalisierung: Wie das Auto sich allmählich in Nullen und Einsen auflöst

Kein Lenkrad mehr, keine Pedale, dafür aber eine Frontscheibe als Display, auf dem sich die Passagiere alles Mögliche anzeigen lassen können, während sie vollautomatisch und elektrisch in Liegesesseln über die Autobahn surren, mit vorbildlicher Richtgeschwindigkeit von 130 km/h.

Die aktuellen Vorstellungen der Hersteller vom Auto von Morgen kristallisieren sich ganz gut in der Audi-Studie Aicon, präsentiert auf der IAA 2017.  Sie bündelt die aktuellen Megatrends der Branche: Automatisierung, Elektrifizierung und Vernetzung. Womöglich aber ist die Zukunft des Autos noch viel radikaler.

Audis Stolz einer unbestimmten Zukunft: die Studie Aicon

Nach den Vorstellungen von Jaguar Land Rover etwa könnte sie lediglich aus einem intelligenten Lenkrad bestehen. Das erste per Spracheingabe gesteuerte Lenkrad Sayer arbeitet mit künstlicher Intelligenz und ist in der Lage verschiedenste Fahrzeugaufgaben zu erfüllen. Das Lenkrad „parkt“ in der Wohnung des Besitzers und kann neben seinen eigentlichen Steuerfunktionen auch Aufgaben im Haushalt erledigen. In Zukunft könnte es das einzige Teil eines Autos sein, das sich noch im persönlichen Besitz befindet.

Der Sayer sagt alles: Jaguar Land Rovers Lenkrad-Studie soll einmal viele Kommunikationsaufgaben übernehmen

Das Auto, wie wir es kennen, ist es gerade dabei, sich selbst abzuschaffen, zumindest zeigt es auch auf der IAA deutliche Auflösungserscheinungen – auch wenn die Schwemme an neuen SUV zunächst einen anderen Eindruck erweckt. Bei Volkswagen stellt der elektrische Minibus Sedric, der einmal rund um die Uhr per App gerufen werden können soll, auch so ein Zukunftsvehikel dar. Es steht für den Wandel des Unternehmens vom reinen Hersteller zum integrierten Anbieter von Hardware, Software und digitalen Mobilitätsservices.

Das Shutteln ist des Müller Lust – der VW-Chef posiert im Sedric

„In Zukunft werden nur noch knapp 50 Prozent der Branchen-Wertschöpfung in der Autoproduktion bzw. im Autoverkauf erbracht werden – heute sind es noch rund 85 Prozent“, heißt es in einer Studie von Strategy&, der Strategieberatung von PriceWaterhouseCoopers (PwC). Im Kontext von Vernetzung und Automatisierung entwickele sich in den kommenden Jahren ein riesiger neuer Wirtschaftszweig, sagt Richard Viereckl, Koautor der Studie. Seit dem Jahr 2000 entstanden laut einer Analyse der Beratungsfirma Oliver Wyman in der Automobilbranche weltweit über 1000 Unternehmen. „Eine solch hohe Zahl hat es im Automobilsektor seit den Pionierjahren ab Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr gegeben“, sagt Mobilitätsexperte Andreas Nienhaus bei Oliver Wyman.

Vasall der Smartphone-App – 24 hours a day

Branchenanalyst Klaus Stricker von der Beratungsfirma Bain & Company geht davon aus, dass sich die Zahl der Autos auf den Straßen dank neuer Technologien um mehr als 40 Prozent reduzieren lässt. Roboter-Taxis könnten einen Großteil der heute zurückgelegten motorisierten Personenkilometer übernehmen – dank deutlich höherer Auslastung der Fahrzeuge und Verkehrsoptimierung, etwa durch algorithmisch abgestimmte Verkehrsflüsse. „Wer jetzt nicht handelt, verliert“, sagt er.

Leicht autistisch wirken angesichts der vernetzten Zukunft andere Neuvorstellungen auf der Frankfurter Leistungsschau. AMG enthüllte sein Project One, einen über 1000 PS starken Hybrid-Boliden, dessen limitierte Auflage zum Stückpreis von drei Millionen Euro bereits verkauft sei. Und Alpina ist so mutig, mitten in der Sinnkrise des Selbstzünders mit dem D5 S den „schnellsten Seriendiesel der Welt“ vorzustellen.

Formel-1-Technik zum Stückpreis von 3 Millionen: Das Showcar Mercedes-AMG Project One

Immerhin sind auch die Pläne der Hersteller in Sachen E-Mobilität ambitioniert. BMW plant, bis 2025 zwölf weitere reine E-Autos und dreizehn Plug-in-Hybride auf die Straße zu bringen, den Anfang macht 2019 der elektrifizierte Mini, der als Konzept auf der Messe steht. „Die Automobilindustrie befindet sich mitten in einem fundamentalen Wandel“, sagt BMW-Chef Harald Krüger.

Mit Spannung erwartet: der elektrifizierte Mini, hier die Messestudie

VW will bis 2025 Weltmarktführer in Sachen E-Mobilität sein – mit 30 neuen elektrifizierten Modellen und zeigt auf der IAA den aus dem Modularen Elektrizitätsbaukasten MEB konstruierten I.D. Crozz.

Kann es selbst: VWs Studie I.D. Crozz ist für automatisiertes Fahren vorbereitet. Die Serienversion des E-SUVs soll 2020 kommen

Als Ausblick auf eine A-Klasse mit Batterieantrieb hat Mercedes immerhin auch die Designstudie EQA enthüllt, bis zur Serie werden aber wohl noch ein paar Jahre vergehen. Bis 2022 plant Vorstandschef Dieter Zetsche mit zehn reinen E-Autos von Mercedes und Smart.

Die A-Klasse wird elektrifiziert. Wann, ist noch nicht klar, aber das Concept EQA gibt schon mal einen Vorgeschmack

Dass die E-Mobilität nicht das Allheilmittel ist, haben die Autohersteller aber erkannt – jeden Verbrenner durch einen Stromer zu ersetzen, würde lokale Abgasprobleme zwar lösen, wäre angesichts überfüllter Städte aber nicht die Lösung.  Neben der Diskussion um die Antriebsart oder neue Automodelle geht es um jene neuen Mobilitätskonzepte, von denen die wohl wichtigsten sich in der Sharing Economy abspielen. Bis 2030 würden rund ein Drittel aller Neufahrzeuge für geteilte Mobilität eingesetzt werden, heißt es bei Strategy&.

Um die Herausforderungen zu stemmen, beobachten die Hersteller seit Jahren die Start-up-Szene und schlagen zu, wenn eine Idee zu lohnen scheint. Egal, ob es um smarte Parkplatzsuche oder Stauprognosen geht – hinter neuen Serviceideen stecken oft die Entwickler von Start-ups. 2016 kaufte General Motors das Start-up Cruise, das Systeme zum autonomen Fahren entwickelt. Auch neue Dienstleistungen, die es ohne Digitalisierung und Smartphone nicht gäbe, sind im Fokus.

Daimler betreibt die Mobilitäts-App Moovel sowie die Kooperationsplattform „Startup Autobahn“ für Unternehmen und Newcomer, Ähnliches verfolgt BMW mit i Ventures. GM hat sich am Fahrdienstvermittler Lyft beteiligt, Toyota an Uber. Dienstleistungen statt Auto hat auch Volkswagen mit dem Start-up Moia im Blick.

Da geht der Chef in die Knie: Der BMW-Vorstandsvorsitzende Harald Krüger und die IAA-Studie Gran Coupé i Vision Dynamics

Selbst die IT-Branche investiert in die Mobilität. So übernahm Chipgigant Intel für 15 Milliarden US-Dollar MobilEye, einen Hersteller von Fahrassistenzsystemen. Auch Apple oder Google investieren, die Datengiganten mischen mit, wann immer Autos mit ihrer Umgebung Daten austauschen.

Und so zeigt sich das Wegweisende der IAA derzeit noch an ihrem Rand: In der „New Mobility World“ stellt erstmals Facebook aus, weitere Größen der IT- und Tech-Szene sind mit dem Chiphersteller Qualcomm oder dem Spezialisten für Sicherheitssoftware Kaspersky dabei.

Die Renault-Studie Symbioz integriert sich ins eigens geschaffene Musterhaus als eine Art fahrbares Sofa … und plugged sich natürlich ins Smart Grid

Dass sich die Hersteller für digitale Anwendungen der Hilfe von außen bedienen, zeigt im Fall der Renault-Studie Symbioz ein Helm vom Spieleentwickler Ubisoft, den der Fahrer im autonomen Fahrmodus „Relax“ aufsetzen kann, um in eine virtuelle Umgebung einzutauchen. „Der viel zitierte Paradigmenwechsel“ wird, wie Audi behauptet, auch im Konzeptauto Aicon sichtbar. Er weist Fußgänger oder Radfahrer über äußere Display-Flächen mit Warn-Animationen auf Gefahrensituationen hin. Und wer das Auto im Dunkeln verlasse, dem leuchte eine Mini-Drohne mit Scheinwerfern den Weg bis vor die Haustür sicher aus, den Fußweg wohlgemerkt.

Text: Stefan Weißenborn Bilder: Hersteller/Aufmacher: Ford (Der Artikel ist in leicht veränderter Form am 16. September 2017 in der „Berliner Zeitung“ und dem „Kölner Stadtanzeiger“ erschienen)

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