Stottern auf Schotter – Jetzt kommt das ABS fürs Fahrrad

Elektrifizierte Fahrräder brauchen gute Bremsen. Das macht den Umgang ungewohnt und fördert das Unfallrisiko. Abhilfe leistet das erste Antiblockiersystem fürs E-Bike.

Das Pedelec macht klapprige Rentner zu Kamikaze-Radlern – das ist natürlich ein salopp formuliertes und dazu unzulässig überzogenes Vorurteil.

Das E-Bike ist nicht per se unsicherer als ein Fahrrad, das ohne Hilfsakku auskommt. Und auch betagte Herrschaften wissen mit ihm umzugehen. Doch Vorurteile bergen einen Kern Wahrheit und das E-Bike damit gewisse Risiken, je nachdem wie man es nutzt.

Für mehr Sicherheit auf dem Sattel kommt nun eine Technologie auf den Markt, die im Pkw-Bereich als das erste Fahrerassistenzsystem in die Geschichte einging und seit Mitte der Sechziger Jahre in Serienfahrzeugen den Trick mit der Stotterbremse obsolet macht: das Antiblockiersystem, kurz ABS.

Wie schon bei den Autos, als ABS nach dem Pionier, dem britischen Sportwagen Jensen FF von 1966, Ende der Siebziger erst in der Mercedes S-Klasse und dann im BMW 7er ankam, mischt Bosch federführend mit. Kürzlich vermeldete der Technologiekonzern mit dem „ersten serienreifen Antiblockiersystem für E-Bikes“ verkürzten sich die Bremswege, auch Überschläge könnten verhindert werden. Anfang 2018 soll es am Rad verbaut in den Handel kommen, zunächst an City-, Trekking- und Tourenrädern, deren Verkaufsanteil unter den Pedelecs am höchsten ist.

Schneller dank E-Hilfe – aber im Straßenverkehr auch potentiell unsicherer unterwegs

Für Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) ist es höchste Zeit für das E-Bike-ABS. Die gegenüber Fahrrädern leistungsfähigeren Bremsen am Pedelec seien für viele Radler, gerade im fortgeschrittenen Alter, gewöhnungsbedürftig: „Je besser die Bremsen sind, desto höher ist die Chance, das Vorderrad zu überbremsen – man überschlägt sich und fällt auf die Nase“, sagt Brockmann.

Solche Horrorszenarien eines jeden Pedalisten kann das Bosch-ABS in vielen Fahrsituationen offenbar unterbinden. „Beim Vorderrad-ABS überwachen Raddrehzahlsensoren die Geschwindigkeit beider Räder“, erläutert Claus Fleischer, Geschäftsleiter Bosch E-Bike Systems. Sobald das Vorderrad zu blockieren drohe, regele das ABS den Bremsdruck schneller als jeder Fahrer. Insbesondere auf rutschigem, losem oder nassen Untergrund lasse sich das Pedelec kontrolliert verzögern.

„Es funktioniert super“, befindet Unfallforscher Brockmann, der das System schon testen konnte. Obwohl das ABS durch den E-Bike-Akku versorgt wird, gibt es laut Bosch keinen merklichen Einfluss auf die Reichweite – „weil es nur in Not-Bremssituationen und daher selten eingreift“, versichert Fleischer. Aber die Reichweite ist bei E-Bikes anders als bei E-Autos eher selten das Problem – zur Not könnte man einfach mit Muskelkraft weiter kommen.

Bausatz aus Einzelteilen – so zu kaufen wird es ihn wohl nicht geben, sondern eher schon am fertigen Pedelec ausgewählter Hersteller verbaut

Und doch gibt es Einschränkungen. Zwar hat Bosch eine „Abheberegelung“ integriert, die dafür sorgt, dass das Hinterrad beim extremen Abbremsen des Vorderrades auf dem Boden bleibt, indem bei sprunghafter Änderung der Raddrehzahl die Bremskraft am Vorderrad vermindert wird. Doch geht es in Kurven, funktioniert das ABS kaum.

Einen Schräglagensensor hat das Fahrrad noch nicht„, sagt Brockmann. „Die Situation Schotter und Kurve beherrscht das System nur begrenzt.“ Selbst am Motorrad, wo aufgrund des höheren Eigengewichts des Fahrzeugs (und dem dadurch geringeren Einfluss des Fahrergewichts) die Kräfte besser berechnet werden können, ist diese Funktion noch nicht ausgereift.

Bosch geht dennoch davon aus, dass sich Pedelec-Unfälle mit dem ABS um bis zu 25 Prozent reduzieren lassen – einen flächendeckenden Einsatz des Systems vorausgesetzt. Angesichts der steigenden Unfallzahlen von E-Bike-Fahrern wäre dies mehr als begrüßenswert. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden stieg der Anteil der im Straßenverkehr getöteten Pedelec-Fahrer 2016 gegenüber dem Vorjahr um über zwei Drittel an (69,4 Prozent), in absoluten Zahlen waren es 61 gegenüber 36 Getöteten.

Das System greift nur in Notsituationen ein und stresst den Akku deshalb kaum

Für 2015 stellte das Bundesamt jedoch fest, dass vier von fünf Getöteten älter als 65 Jahre alt waren, wobei der Anteil der über 75-Jährigen signifikant höher lag. Zugleich hieß es: „Daraus kann jedoch nicht geschlossen werden, dass ältere Nutzer von Pedelecs überfordert sind. Vielmehr werden Pedelecs wohl noch überwiegend von Älteren genutzt.“ Kaum überstürzt auch die Reaktion beim Zweirad-Industrieverband: Der Anstieg der Unfallzahlen sei hauptsächlich auf den stetig anwachsenden Bestand zurückzuführen – mittlerweile seien über drei Millionen E-Bikes auf deutschen Straßen unterwegs.

Trotzdem sieht Unfallforscher Brockmann Handlungsbedarf im Zusammenhang mit den betagten Pedelec-Fahrern – aber anders als man denken könnte: „Die Hauptnutzergruppe von E-Bikes hat sich daran gewöhnt, die Rücktrittbremse zu benutzen.“ Das sei grundsätzlich suboptimal, weil die meiste Bremskraft über das Vorderrad aufgebaut werde. Und wer die Vorderradbremse nicht nutze, habe „von dem schönsten ABS“ nichts. Er plädiert dafür, die ABS-Technik in speziellen Fahrradtrainings für Erwachsene, wie sie zum Beispiel der Allgemeine Deutschen Fahrrad Club (ADFC) anbietet, vor allem älteren Radlern näher zu bringen.

Und trotzdem bleibt ein Dilemma, so lange das E-Bike boomt und sich immer mehr Rentner in den Sattel schwingen. Siegfried Brockmann sagt: „In der Gruppe der Senioren werden wir nicht alles lösen können, wenn sie vom sichereren Auto aufs Fahrrad umsteigen. Der Preis für die neu gewonnen Mobilität sind erhöhte Unfallzahlen.“ Jede Technik, die dem entgegenwirkt, dürfte willkommen sein.

Tempo im Blick – auch ein Bordcomputer gehört zum Umfang des Systems, das mittels Sensor die Drehzahl am Vorderrad überwacht

Denkbar ist auch, dass E-Bikes mit zusätzlichen Assistenten weiter aufgerüstet werden, denn Sensoren und Energieversorgung sind an Bord. „Ob es aber in der Zukunft ESP oder Antriebsschlupfregelung für E-Bikes geben wird, ist zum heutigen Zeitpunkt nicht absehbar“, sagt Fleischer. Ebenso, wie groß der positive Einfluss des rund 500 Euro teuren ABS im anhaltenden E-Bike-Boom ausfallen wird.

Text: Stefan Weißenborn; Bilder: Bosch

 

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