Fahrraddiebstahl ist zum Kotzen: Dieses Schloss löst Brechreiz aus

Radfahren erlebt gerade eine Renaissance. Es werden immer mehr und immer teuere Bikes verkauft. Das belebt auch die Entwicklung von Fahrradschlössern, die teils auf ziemlich abschreckende Funktionen setzen.

Fahrraddiebe sind heutzutage mit allen Wassern gewaschen. Bolzenschneider als Mittel zum unehrenwerten Zweck sind Standard, mittlerweile lassen sie auch Trennschleifer oder Wagenheber aus dem Ärmel, um das Schloss je nach Bauart irgendwie durchzuknipsen, aufzuhebeln oder zum Platzen zu bringen. Mit einer Gasmaske aber wurde wahrscheinlich noch keiner der Kumpanen gesichtet.

„Durchschnittlich lassen sich Fahrraddiebe drei Minuten Zeit“, sagt David Koßmann vom Pressedienst Fahrrad (pd-f) in Göttingen. Dauert es länger, wird der Delinquent offenbar nervös und bricht den Versuch ab. Deshalb ist neben einem möglichst zähen Schloss auch Abschreckung wichtig.

Abschreckung fehlgeschlagen: Recht abgenagt sieht dieses Bike aus

Wer sein Zweirad gleich mit mehreren Schlössern versieht, die sich idealerweise noch um den nächsten Baum oder Laternenpfahl wickeln, hat seine Pflicht bestmöglich erledigt: Der Dieb zieht zum nächsten, schlechter gesicherten Drahtesel weiter.

Steht nun „Skunk“, englisch für Stinktier, auf dem Schloss, könnte das eine ähnlich distanzfördernde Wirkung haben, wenn sich die Eigenschaften des von drei Entwickler aus San Francisco erdachte „SkunkLock“ auch in Kriminellenkreisen herumsprechen: Es ist wortwörtlich zum Kotzen.

Sobald man es zu 30 Prozent durchsäge, entlasse das Bügelschloss aus gehärtetem Stahl ein in seiner näheren Zusammensetzung geheim gehaltenes Gasgemisch in seine Umwelt, das den Verbrecher „zu 99 Prozent“ sich ad-hoc erbrechen lasse. Und noch mehr: Das Gas dringe in die Kleidung ein, so dass ein Umziehen wohl zum vorherrschenden Wunsch des Langfingers wird – statt das Rad einzukassieren.

Sägt man es an, beginnt es widerlich zu stinken: das Skunk Lock

Fahhraddiebstahl ist ein Problem. Nach aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes wurden 2015 insgesamt 335 000 Fahrräder gestohlen, das bedeutet: alle 90 Sekunden wird ein Rad ohne Einwilligung des Besitzers abtransportiert oder weggefahren.

Das entspricht zwar einem Rückgang von 1,3 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Jahr. Doch die Zahl der entwendeten Räder, die versichert sind, verharrt auf einem Spitzenwert: Der Gesamtverband der deutschen Versicherer (GDV) vermeldet 200 000 gestohlene Fahrräder für 2015.

Kommen die von der Bundesregierung geplanten Radschnellwege, die unter anderem Pendler in Ballungsräumen animieren sollen, vom Auto aufs Fahrrad oder E-Bike umzusteigen, dürfte sich das Problem bei Erfolg des Vorhabens verschärfen.

Alles was nach Lifestyle aussieht, sollte gut gesichert werden. In der anonymen Stadt machen Dieben auch vor Kindertränen nicht halt

Hinzu kommt: Der Absatz von Fahrrädern, getrieben vom E-Bike-Boom, wächst seit Jahren. „Auch der Durchschnittspreis steigt stetig“, sagt Koßmann. Alles Anreize für bevorzugt in Städten aktive Diebe, die vor allem teure, schicke Bikes mögen.

Vielleicht kommt aber alles besser als befürchtet, denn auch die Sicherheitstechnik ist im Wandel – es gibt noch mehr als das Stinktierschloss aus San Francisco, das über die Crowdfunding-Portal Indiegogo für 119 Dollar vorbestellt werden kann. „Da passiert gerade eine Menge“, sagt Koßmann. Eine Idee ist es, das Smartphone in den Sicherheitsmechanismus zu integrieren – wie es zum Beispiel die Firma Nokē aus der Nähe von Salt Lake City macht.

Ebenfalls für den Sommer vorbestellbar (149 Dollar) baut das Nokē U-Lock eine Bluetooth-Verbindung zum Handy auf, das als Schlüssel fungiert, ähnlich der Keyless-go-Funktion mittels Funkschlüssel beim Auto. Über eine App authentifiziert sich der Radbesitzer. Zum Öffnen muss man am Schloss nur noch einen Knopf drücken.

Schlägt zur Not ohrenbetäubenden Alarm: das U-Lock

Betätigt sich jemand am U-Lock, ohne dass eine Funkverbindung aufgebaut ist, gibt es einen dezibelmächtigen Alarm von sich, der den Dieb in die Flucht schlagen soll. Ist der Handyakku leer, lässt sich U-Lock mittels individuellem Code per Fingertipp entriegeln. Auch ermöglicht das Schloss Bikesharing, weitere User können über die App autorisiert werden.

Ähnliche Funktionen bietet das Fahrradschloss Ellipse des Start-up Lattis aus San Francisco. Seinen Strom bezieht das U-Schloss über kleine Solarzellen, und seinen Alarm löst es am Handy des Besitzers aus. Die eingebauten Sensoren erkennen nicht nur verdächtige Bewegungen des Schlosses, sondern auch, wenn das Rad während der Fahrt zu Fall kommt. Reagiert der Fahrer auf eine Anfrage nicht, alarmiert die App Freunde per Textbotschaft und teilt den GPS-Standort mit. (Markstart im Sommer, 199 Dollar)

Doch die Digitalisierung beim Fahrradschloss bring auch neue Risiken. Für pd-f-Mitarbeiter Koßmann ist es nur ein Frage der Zeit, bis Hacker sich auch dem Fahrradschloss widmen – vor allem, wenn Standorte teurer Bikes abgespeichert werden.

Schließt sich automatisch, sollte aber zusätzlich gesichert werden: das Felgenschloss I Lock it

Bedenken auch bei der Sharing-Funktion: „Ist der Schlüssel online, kann man ihn abfangen. In Zeiten des Smart Bike rate ich deshalb weiterhin zum Zweitschloss.“ Das gilt vor allem für Schlösser wie dem I Lock it des deutschen Start-ups Haveltec, das sich zwar automatisch öffnet und schließt, als Felgenschloss aber zunächst nur das Rad in sich sichert. Ein Zusatzschloss ist Pflicht. (vorbestellen für 99 Euro).

Das Zweitschloss liefert die deutsche Traditionsfirma Trelock, Hersteller von Schlössern seit 1854, bei seinem ersten elektronischen Schloss, dem voraussichtlich ab Juni für 99,95 Euro verfügbarem SmartLock, ebenfalls gleich mit.

Da es sich um ein fest zu verbauendes Rahmenschloss handelt, bietet Trelock Anschlussketten an – um das Rad auch anschließen zu können. SmartLock lässt sich ebenfalls vom Handy mehrerer Nutzer öffnen, setzt aber Android und den Übertragungsstandard NFC voraus.

Das Handy als Funkschlüssel: Das Trelock SmartLock lässt sich mit dem Smartphone öffnen

„Das Smartphone wird immer wichtiger“, sagt Produktmanager Jens Barkam. Falls es sich beim Fahrradschloss durchsetze, werde Trelock auch Bügel- und Faltschlösser als elektronische Varianten auf den Markt bringen. Mit Erbrechen hat das dann allerdings wenig zu tun. „Wir stellen die Sicherheit in den Vordergrund“, sagt Barkam.

Text: Stefan Weißenborn/Bilder: Hersteller

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