Eine echte Zuhälterkarre – Nicos gebrauchter BMW 7er

Manche Menschen kaufen nur neue Autos, weil sie den typischen Neuwagen-Geruch lieben. Weil sie unbedingt die ersten sein möchten, die sich in dem Wagen ans Steuer setzen. Es gibt aber auch diejenigen, die alte Autos mit Geschichte schätzen. Mit Patina und so etwas wie Charakter.
Geschichte, das hat der calypsorote 7er BMW von Nico Conrady zweifellos.

Und Charakter wohl auch – der vier Liter große V8 hat stolze 336.000 Kilometer auf der Uhr. Aus sagenhafter achter Hand kaufte sich der Berliner seinen Traumwagen vor einigen Jahren. „Ich wollte immer schon einen 7er fahren“, sagt der 33-Jährige.

Sein BMW mit dem Werkscode E32 ist ein paar Jahre älter als er selbst. 1990 wurde die Luxuslimousine gebaut und diente anfangs als Firmenwagen. Dann ging er abwechselnd in den Besitz älterer Herren und einer weiteren Firma. Schließlich sei noch ein Zuhälter eine Zeit lang mit der repräsentativen Limousine herumgefahren, sagt Conrady. Er selbst arbeitet als Anlagentechniker im Heizungs- und Sanitärbau.

Nico wollte schon immer einen Luxusschlitten fahren – seit fünf Jahren hat er einen

Ein Oberklasseauto aus achter Hand: Bei so vielen Vorbesitzern würden viele sofort abwinken. Gerade ehemalige Luxusschlitten weisen häufig einen beträchtlichen Reparatur- und Wartungsstau auf, nachdem sie von den Besitzern über die Jahre durchgereicht wurden. Wenn auch wenn am Anfang des Autolebens meist ein wohlhabender Erstbesitzer mit genügend Kleingeld für die Inspektionen stand – am Ende der Kette sind die Halter oft Leute, die zwar auch einmal gerne ein edles, schnelles Auto fahren möchten, aber kein Geld haben, um es auch am Laufen zu halten.

Nico Conrady besitzt seinen 7er schon seit fast fünf Jahren. Damals bezahlte er 2500 Euro – verdammt wenig Geld für ein Auto, das einmal um die 100.000 Mark gekostet hat. Lederausstattung, Wurzelholz, elektrische Sitze, Thermoverglasung, Klimaautomatik: Der E32 lässt an Ausstattung nicht viel Wünsche offen – jedenfalls nicht für ein Auto, das über ein Vierteljahrhundert alt ist.

Die Tieferlegung mit Bilstein-Dämpfern übernahm Conrady vom Vorbesitzer, allerdings auch einen beträchtlichen Wartungsstau. Denn das Auto hatte zwischenzeitlich länger gestanden.

Speckiges Leder – Zur Patina haben etliche Vorbesitzer beigetragen

Zusammen mit einem Kumpel, der über eine Garage mit Hebebühne verfügte, brachte Conrady den Wagen wieder auf Vordermann. Stoßdämpfer, Koppelstangen, Querlenker, Bremsen, Gummilager an Vorder- und Hinterachse: „Ich mache alles selber bis auf den Motor“, sagt der Hobbyschrauber. Glücklicherweise macht der Achtzylinder auch nach umgerechnet über acht Erdumrundungen wenig Probleme.

Nur die Kurbelwellen-Entlüftungsmembran musste vor ein paar Monaten erneuert werden und ein paar Schläuche. Durch die Thermik waren sie nach 25 Jahren Betrieb porös geworden. Demnächst nun will Conrady in den 7er eine größere Bremsanlage einbauen.

Mit dem BMW E32 kam Nico Conrady schon als kleiner Junge in Berührung. „Kurz nach der Wende kaufte sich der Vater meines besten Freundes einen 750 iL“, erzählt der 33-Jährige. Mit dem Wagen brachten die Bayern vor 30 Jahren das erste deutsche Auto der Nachkriegszeit mit Zwölfzylinder auf den Markt.

Der Motor leistete 300 PS. Der Vater seines bestens Freundes habe damals „ordentlich auf den Pinsel getreten“, sagt Conrady. Und die beiden Kids saßen auf der Rücksitzbank und freuten sich eins.

Wartungsstau hatte Nicos 7er bei seiner Übernahme – jetzt sollen die Bremsen neu

Nico Conradys E32 ist ein 740 und leistet 286 PS. Auch diese Leistung reicht aus, um kein Verkehrshindernis zu sein. Auf der Autobahn beschleunige der V8 ganz geschmeidig und wie am Lineal gezogen auf 200 Stundenkilometer, schwärmt Conrady. Schluss ist bei 240 km/h, dann wird der Edel-Youngtimer abgeregelt.

Conradys Traum wäre ein BMW 850 CSi (E31) mit 380 PS starkem Zwölfzylinder. Doch die Oberklasse-Coupés sind sündhaft teuer geworden. Und eigentlich passt die calypsorote 7er-Limousine auch besser zur Familie, denn vor neun Monaten wurde der Berliner Vater einer Tochter.

Seitdem schmückt ein Kindersitz die Rücksitzbank. „Früher war nur mein Auto mein Hobby“, meint Nico Conrady. Nun will die kleine Tochter schon eifrig mitbasteln. „Also bin ich auf Lego umgestiegen“, sagt der BMW-Fan. „Das hat ja auch mit Bauen zu tun.“

Text und Fotos: Haiko Prengel

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