Welchen Horror das Handy am Steuer bringt

Die Bilder zeigen Lkw-Fahrer Tomasz K., das Führerhäuschen ist von fröhlichem Kirmes-Techno erfülllt. Tomasz K. greift zum Handy. Über Sekunden wendet er den Blick von der Fahrbahn ab. Als er aufschaut, ist es zu spät.

Das entsetzte Gesicht des Truckers und dann ein ohrenbetäubender Knall, als der tonnenschwere Lkw in ein Stauende rast und das Auto vor sich zusammenfaltet, als sei es aus Papier. Drei Kinder und eine Mutter sterben bei dem Unfall im August 2016 auf der A34 nahe Newbury in der Grafschaft Berkshire.

Der Film, von der britischen Polizei Ende Oktober auf Facebook gepostet, wurde inzwischen millionenfach aufgerufen. Erschreckend anschaulich und bedrückend zeigt er, was passiert ist und jederzeit passieren kann, wenn Autofahrer am Steuer ihr Smartphone bedienen. Die Gefahr ist bekannt. Gebannt ist sie längst nicht.

 

„Die Leute wissen prinzipiell, dass es gefährlich ist, halten ihr eigenes Handeln aber für beherrschbar„, sagt Prof. Mark Vollrath, der sich als Leiter des Lehrstuhls Verkehrs- und Ingenieurpsychologie der TU Braunschweig unter anderem mit dem Einfluss von Ablenkung auf die Verkehrssicherheit beschäftigt.

Zuletzt fand der Wissenschaftler heraus: Es werden mehr Nebentätigkeiten beim Fahren auf der Autobahn durchgeführt als in der Stadt. Dazu ließ Vollrath insgesamt über 2000 Autofahrer auf der A2 beobachten und verglich die Daten mit einer früheren Studie zu Stadtfahrten. „Fast 10 Prozent der Fahrer beschäftigen sich auf der Autobahn mit ihrem Handy“, sagt Vollrath.

Dabei werde nicht nur telefoniert, sondern das Smartphone auch in die Hand genommen, um Apps zu bedienen. „Das ist die stärkste Form der Ablenkung.“ Der kurze, wiederholte Blick aufs Display scheint in der konkreten Verkehrssituation Fahrern oft nicht der Rede wert. Doch allein bei Tempo 80 legt das Auto in einer Sekunde über 20 Meter zurück. Laut ADAC blicken Fahrer aber oft sieben Sekunden auf ihr Gerät. Für über 155 Meter ist ihre Aufmerksamkeit fernab des Verkehrsgeschehens.

Welch erschreckend lange Strecken das Auto bei nur kurzer Ablenkung zurücklegt, hat der ADAC grafisch aufbereitet. Prof. Vollrath sagt: „Eine SMS bedeutet mindestens 5 Sekunden totale Ablenkung. Das entspricht dem Fahrverhalten wie bei 0,8 Promille Alkohol im Blut.“

Prof. Vollrath merkt an, dass konkrete Unfallzahlen fehlen, mit denen politische Forderungen untermauert werden könnten. „Die Unfallursache Handynutzung, die gibt es nicht, nicht bei uns“, sagt Gerhard Kraski, Sprecher beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Wenn die Nutzung des Smartphones Ursache eines Unfalls war, verberge sich dies in der statistischen Kategorie „sonstige Ursachen“. Oft könne die Polizei die Unfallursache nicht ohne weiteres angeben.

So kann sich auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) auf keine amtlichen Zahlen beziehen, um für seine aktuellen Pläne zu werben. Derzeit befindet sich ein Gesetzentwurf Dobrindts in der Abstimmung, der vorsieht, das Bußgeld für Handynutzung am Steuer von derzeit 60 Euro auf 100 Euro anzuheben, bei einem Punkt in Flensburg soll es bleiben. Zugleich soll Paragraph 23 der Straßenverkehrsordnung überarbeitet werden.

Wer nur schnell mal was checkt, checkt andere Dinge nicht (Quelle: Unfallforschung der Versicherer)

Noch ist es dem Fahrer nur untersagt, das Mobiltelefon bei laufendem Motor in der Hand zu halten. Nun soll das Verbot auf Tablets, E-Book-Reader und andere Hand-Held-Geräte sowie Videobrillen, die das Ministerium ausdrücklich aufführt, ausgeweitet werden.

Nach Einschätzung von Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), greifen verschärfte Sanktionsmöglichkeiten zu kurz. Er fragt: „Wie kontrolliere ich das Verbot? Von außen sieht man ja nicht, ob jemand ein Tablet auf dem Schoß hat.“

Für ihn gleicht das Nutzungsverhalten vor allem junger User einem Suchtverhalten, das jegliche Verbote unterminiere. „Die Digital Natives zeigen körperliche Symptome, wenn das Ding piept, und sie dürfen nicht ran – zum Beispiel schwitzige Hände.“

Der Unfallforscher blickt in eine düstere Zukunft. „Ich habe keine Hoffnung, dass sich da schnell was ändert.“ Brockmann begründet dies damit, dass Smartphones und Co. immer selbstverständlicher werden. Bereits heute nutzen laut Branchenverband Bitkom über 50 Millionen Deutschen ein Smartphone. Die Verbreitung der Geräte ist bei Menschen ab 14 Jahren besonders hoch, viele darunter machen ihren Führerschein erst noch.

Entsetzte Mine und vielleicht schon zu spät (Quelle: Unfallforschung der Versicherer)

Mit dem technischen Fortschritt kommen aber auch Lösungsansätze ins Auto. Fahrer können sich SMS, Whats-App- und andere Nachrichten vorlesen lassen, auf die sie zum Beispiel im Head-up-Display hingewiesen werden, ohne dass der Blick dafür von der Fahrbahn weichen muss. Während so etwas meist noch oberen Fahrzeugklassen vorbehalten ist, hat die Spracherkennung, mit der etwa Anrufe initiiert oder Navigationsziele programmiert werden können, die Kleinwagen erreicht.

Spät, aber immerhin, ermuntert das Bundesverkehrsministerium in seinen Plänen zum Einbau solcher Lösungen: „Eine Nutzung der Sprachsteuerung, Vorlesefunktionen und von sogenannten Head-up-Displays für Fahrzeug- oder Verkehrszeichen-Informationen werden dagegen ausdrücklich erlaubt.“

Eine womöglich vielversprechende Lösung, die auch in älteren Autos ohne aufwendiges Infotainment und Fahrerassistenzsysteme für ein Sicherheitsplus sorgen könnte, hat der Zulieferer ZF Friedrichshafen in der Pipeline: einen cloudbasierten Algorithmus. Der X2Safe genannte Code könne zu mehr Sicherheit beitragen, weil er Autofahrer, Passanten und Radfahrer miteinander vernetzt und frühzeitig vor Kollisionen warnen kann. „Mit ihm können Autofahrer um die Ecke gucken“, sagt ZF-Sprecherin Corina Tews.

Um die Ecke gucken dank Cloud (Quelle: ZF Freidrichshafen)

Installierbar ist die Lösung etwa auf dem Smartphone. Fahrer eines älteren Modells könnten die App dort oder auf dem Tablet laufen lassen, das sie ganz legal in einer Halterung justieren. Die Markteinführung von X2Safe, das auch als Built-in-Lösung für Neufahrzeuge geplant sei, um es mit Assistenzsystemen wie der automatischen Notbremse zu koppeln, stehe kurz bevor, sagt Tews. Eine „kritische Masse“ für möglichst viel Schwarmintelligenz wäre aufgrund der Verbreitung von Handys womöglich schnell erreicht.

Doch Prof. Vollrath ist überzeugt: „Das Wissen muss in die Köpfe.“ Seiner Meinung nach führt der Weg ans Ziel nur über die „gesellschaftliche Ächtung wie wir sie beim Alkohol haben“ – erreichbar mittels beharrlicher Aufklärungsarbeit durch Kampagnen und die Medien, der Erhebung konkreter Unfallzahlen. Bis daddelnde Autofahrer aber ebenso verpönt seien wie Betrunkene hinter dem Steuer – bis dahin vergingen mindestens fünf bis zehn Jahre.

Vielleicht hilft eine Zahl, damit die Erkenntnis durchsickert: Laut „Be Smart“, einer Kampagne von Mobil in Deutschland e.v. und TÜV Süd gegen Handy am Steuer, sterben jährlich geschätzt 500 Menschen im deutschen Straßenverkehr aufgrund von Ablenkung , meist hervorgerufen durch das Handy am Steuer.

 

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