Wie die Digitalisierung das Auto zum Multitalent macht

Hat jemand mal nachgerechnet, wie oft ein Teller genutzt wird und wie viel länger er im Schrank liegt? Macht niemand, denn Teller braucht man zum Essen. Wohl aus dem gleichen Grund, nämlich dass man sie als Notwendigkeit betrachtet hat, wurden Autos in ihrer Funktion als Transportmittel lange Zeit…

… kaum hinterfragt – auch wenn sie die meiste Zeit nicht fahren, sondern stehen.

Doch die große Sinnkrise, wie sie derzeit im Gange ist – abzulesen auch an der Erosion des Statussymbols Auto –, war jenseits aller Umweltdiskussionen um Feinstäube und hohe CO2-Emissionen nur eine Frage der Zeit. Sie trifft das Auto in dem Maße wie seine Zweckerfüllung mit immer längeren Staus und überfüllten Innenstädten zunehmend in Frage gestellt wird.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Krise mit dem Megatrend der Digitalisierung zusammen fällt, der auch die Autobranche voll erfasst hat. Wo man pfiffige Alternativen bieten kann, zerfallen alte Strukturen – und umgekehrt. Entwickler und Ingenieure bei Autoherstellern wie Zulieferern grübeln über Vieles, das vor einigen Jahren noch als abwegig verworfen worden wäre. Und dabei heraus kommen Ideen, wie man das Auto anderweitig nutzen kann, um ihm neuen Sinn einzuhauchen.

Das Auto als Geldbörse

Bei ZF, einem der großen deutschen Zulieferer, wird derzeit das als Neuheit „Car eWallet“ promotet. Die Lösung macht es dem Auto möglich, quasi im Vorbeifahren den Geldhahn zu öffnen. „Gebühren lassen sich ‚on-the-go‘ abbuchen“, so ZF. Über eine Datenverbindung etwa per Smartphone-App wird das eWallet autorisiert.

Mein Okay hast du: Das Auto wird zum Herr über automatisierte Transaktionen

Neben dem automatischen Bezahlen von Mautgebühren könnte eWallet auch das Stromtanken für E-Autos vereinfachen – an der Ladesäule ohne jegliche Log-in-Vorgänge oder beim „Laden-to-go“ auf induktiven Ladeflächen von Zebrastreifen oder im Haltebereiche vor der roten Ampel. Gleichzeitig kann eWallet Zahlungen entgegennehmen. Denkbar ist laut ZF auch, das Privatauto für Kunden von Car-Sharing-Anbietern freizuschalten.

Das Auto als Poststation

An dieser Idee arbeiten mehrere Hersteller, von denen Volvo wohl am weitesten ist. Wenn der schwedische Hersteller von „In-car Delivery“ spricht, meint er das Auto als Paketstation. Mittlerweile ist der Dienst in acht Städten in Schweden, Norwegen und der Schweiz gestartet: Dabei können Fahrzeugbesitzer Online-Bestellungen mit Hilfe von Logistikpartnern in den Kofferraum ihres Autos liefern lassen.

Dazu kann der Zusteller das Fahrzeug orten und erhält einen digitalen Schlüssel, mit dem er das Ladeabteil einmalig öffnen kann. „Vergebliche Zustellversuche sind damit vorbei“, warb Björn Annwall, Marketing-Manager bei Volvo, beim ersten Roll-out. Auch Audi und Smart starteten bereits vergleichbare Pilotprojekte.

Letzte Meile, fliegend überbrückt: Die Drohen des Vision Vans richtet es
Mercedes-Benz Vision Van – From the Drive to the Drone (german Version);

Dort heißt das vergleichbare Dienstleistungsangebot “smart ready to drop”, seit vergangenem Herbst wird es in einer Beta-Phase praktisch erprobt. Weil der Kofferraum der Autozwerge klein ist, hat das kürzlich gegründete „smart lab“ für Innovationen eine App entwickelt, die ausrechnet, ob der Einkauf auch hinten rein passt.

Noch Zukunftsmusik ist das, was das Konzeptauto Mercedes Vision Van erahnen lässt: Der autonom fahrende Lieferwagen findet automatisch zum Paketempfänger, zur finalen Übergabe startet vom Van neben dem Zusteller wahlweise eine Drohne.

Das Auto als Konferenzzimmer

Diese Idee ist schon etwas älter und wurde zum Beispiel mit den Business-Versionen von Vans, die mittels Wlan-Hotspot für die Anbindung von mobilen Endgeräten, Standheizung, Multifunktionstischen und natürlich entsprechendem Ambiente mit viel Edelholz und Leder bereits umgesetzt wurde. Doch so richtig wird sie erst verfangen, wenn das Auto alleine fährt.

Falls autonomes Fahren zur Norm wird, dann verfügt der Fahrer über mehr Zeit. Er kann das Auto als Büro nutzen oder seine freie Zeit mit vielfältigen Kommunikations- und Entertainment-Angeboten verbringen“, sagte Jens Lehmann, Forscher am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS), auf einer Audi-Veranstaltung zur Zukunft des Autos.

Das Auto als Lounge: Im Mercedes-Benz F 015 könnte konferiert werden

Wie im Autoinnenraum dann auch mehr Raum entsteht, zeigen bereits Prototypen verschiedener Hersteller, in denen das Lenkrad sich ins Dashboard zurück zieht, sobald der Autopilot übernommen hat. So sollte das falt- und einziehbare Lenkrad in der Studie „Σtos“ der Schweitzer Ideenschmiede Rinspeed für den Genfer Salon 2016 Platz für „entspanntes Arbeiten“ schaffen.

Schon auf der CES in Las Vegas 2015 zeigte Mercedes das Forschungsfahrzeug F 015, ein autonomer Gleiter mit vier, wahlweise einander zugewandten Sitzen und einem Tischchen in der Mitte.

Das Auto als Gemeinschaftsgarten

Auf das Konto von Rinspeed geht auch dieses Gimmick, wie es wohl nur in Konzeptautos umgesetzt wird: Eigentlich ist die Studie „Oasis“, zuletzt auf dem Genfer Salon 2017 gezeigt, ein selbstfahrendes E-Mobil für die Stadt. Doch es hat auch einen integriertem Kleingarten hinter der Windschutzscheibe, was Rinspeed als „Mobile Urban Gardening“ bezeichnet.

Es gedeiht hinter der Frontscheibe: der Rinspeed „Oasis“ ist ein rollendes Gemüsebeet

 

Es sei „genug Platz für Radieschen oder auch Bonsai-Bäumchen“. Zudem versteht Rinspeed das Wageninnere als Lebensraum. Wer in den futuristisch gezeichneten Kleinwagen blickt, entdeckt ein modernes Wohnzimmer-Ambiente mit Sessel, Sideboard und TV. Der perfekte Gemeinschaftsgarten!

Das Auto als Wetterstation

Ortsbezogene Echtzeitinformationen – das ist ein Schlüsselbegriff, wenn es um die Automatisierung des Fahrens geht. Denn diese benötigen Autos, um sich präzise zurecht zu finden. Aus diesem Grund hat Audi gemeinsam mit Daimler und BMW den Kartenanbieter HERE gekauft, der notwendige hochauflösende Karten erstellt.

The future is HERE: Autos könnten dazu beitragen, hochpräzise Wetterkarten zu erstellen

Ortsbezogene Echtzeitinformationen können aber auch für mobile Wetterstationen genutzt werden, für die die mittlerweile verbreiteten Regensensoren am Auto eingespannt werden könnten. „Die generierten Daten könnten dazu beitragen, eine deutschlandweit hochpräzise Wetterlandkarte zu erstellen“, erläutert Jens Lehmann vom IAIS. An solchen Daten könnten Autofahrer, aber auch fremde Branchen wie die Landwirtschaft interessiert sein.

Das Auto als Energiespeicher

Elektroautos können nicht nur Strom beziehen, um ihre Antriebsbatterie und damit die Reichweite aufzufrischen. Sie können ihn auch wieder abgeben. Zum Beispiel Nissan stellte im Kontext der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 ein Konzept für das „bidirektionales Laden“ vor. Mitsubishi, dessen Plug-in-Hybrid Outlander laden und entladen kann, setzt schon länger auf die Technologie.

Der Gedanke dahinter ist zunächst, dem Kunden ein Stück Autonomie beim häuslichen Strom-Management zu geben. So kann er das Auto an der heimischen Powerbox mit günstigem Nachtstrom laden, den er tagsüber mit Kostenersparnis verbrauchen kann. In einem zweiten Schritt wird in der Energiewirtschaft über das Auto als Pufferspeicher im Stromnetz nachgedacht.

Gibt auf Wunsch Saft ab: der Mitsubishi Outlander PHEV

Mit seiner Hilfe könnte besser auf eine überraschend hohe Stromnachfrage besteht reagiert werden. „Die wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Energiewende ist die Speicherung von erneuerbarer Energie zu Produktionszeiten und die Rückführung ins Netz zu Lastspitzen“, warb die Berliner Agentur für Elektromobilität (Emo) schon vor zwei Jahren.

Die Agentur rechnete auch vor, was die Einbindung von E-Autos in intelligente Stromnetze, die Smart-Grids, bringen würde: Bei einer durchschnittlichen Akkukapazität von 16 Kilowattstunden könnte ein Pufferspeicher für erneuerbare Energien von 16 Gigawattstunden zusammen kommen – genug Strom, um fast zwei Millionen Haushalte pro Tag zu versorgen.

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