DDR-Kultroller Schwalbe kehrt als Elektromobil zurück

Im Sommer soll sie durchstarten, die Schwalbe. Mit gestutzten Flügeln zwar, sie ist statt 60 nur 45 km/h schnell. Und sie wird nicht mehr so herrlich knattern wie das alte DDR-Original. Dafür aber wird sie auch nicht mehr so stinken.

Denn die neue Schwalbe fährt statt mit Gemisch für den Zweitakter emissionsfrei. Kein CO2, keine Abgase. Sie treibt ein Elektromotor an.

Für Thomas Grübel, Chef des Schwalbe-Herstellers Govecs, ist das schon so normal, dass er nur noch von „der Schwalbe“ redet, nicht mehr von der E-Schwalbe, von der im Zuge der Elektrifizierung des Kult-Rollers schon länger gesprochen wird. Bereits 2011 zeigte die Firma efw-Suhl einen Prototypen mit E-Maschine und kündigte die Serienversion im Stil des DDR-Rollers an, der zwischen 1964 und 1986 in Suhl über eine Million Mal produziert wurde. Das Vorhaben geriet ins Stocken – bis Govecs übernahm, sich die Lizenzrechte für den Markennamen und Bosch als Technologiepartner für den Antrieb sicherte.

Im Sommer soll die Schwalbe erstmals an Kunden ausgeliefert werden, reserviert werden kann sie bereits. Optisch lehnt sie sich stark am Original an, ist aber etwas länger und am unteren Rahmen breiter geworden, um die Akkus unterzukriegen. Die Verkleidung ist statt Blech aus Kunstoff gefertigt. Als Beleuchtung sind statt gelblicher Funzeln LED-Leuchten verbaut.

LED statt alter Funzel

Statt des Sieben-Liter-Tanks fürs Gemisch ist Platz für zwei Lithium-Ionen-Batterien mit je 2,4 Kilowattstunden (kWh) Strom, die nicht entnehmbar sind, was bereits Kritiker auf den Plan gerufen hat. Man braucht Lademöglichkeiten bei der Arbeit, in der eigenen Garage oder muss an eine öffentliche Ladesäule. Dafür verspricht Govecs eine Reichweite von über 100 Kilometern.

Statt des Einzylinders mit 50 Kubik sorgt ein 48-Volt-Motor von Bosch mit regulär 4 kW ( 5,4 PS) und bis zu 5,2 kW (7,1 PS) im Fahrmodus Boost für Bewegung; die Kraft kommt nicht mehr über die ummantelte Kette ans Hinterrad, sondern per Doppelriemenantrieb, der satte Drehmomente zulässt. Damit ist „ihre Beschleunigung ist extraordinär“, wirbt Govecs. In rund 5 Sekunden ist die Schwalbe auf 45 km/h.

 

Maximal 45 km/h: Kann das reichen?

Mit dem Auto die städtischen Straßen zu verstopfen, ist in manchen Kreisen verpönt, und trotzdem ist Deutschland bei E-Rollern zum Beispiel gegenüber China noch ein Entwicklungsland. Genaue Zahlen, wie viele auf deutschen Straßen unterwegs sind, gibt es nicht, da man das Fahrzeug keiner Behörde, sondern nur einer Versicherung melden muss. Verkehrspolitisch korrekt ist es allemal, emisssionsfrei durch Berlin, Köln oder Hamburg zu cruisen. Gerade in der Hauptstadt sind dank der E-Scooter-Sharing-Anbieter Coup und Emmy zahlreiche Elektroroller unterwegs.

„Elektrische Zweiräder können das Sprungbrett für den automobilen Elektromarkt sein, die Verkehrsprobleme der Innenstädte verringern und Vertrauen in die ‚neue’ Technologie schaffen“, sagt der Präsident des Bundesverband eMobilität (BEM), Kurt Sigl. Doch er sieht auch ein Problem in der laut Fahrzeugklasse L1e für Kleinkrafträder vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h. Zwar dürfen Inhaber eines Pkw-Führerscheins Kleinkrafträder fahren, doch bei 45 km/h sind sie im Stadtverkehr eher ein Hindernis, als dass sich mitschwimmen könnten.

Daher setzt sich der BEM derzeit dafür ein, die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 55 km/h anzuheben, um auch E-Roller „im innerstädtischen Verkehr als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer wahrzunehmen“. Kurt Sigl sagt, damit würde „die Hürde der Konsumenten beim Kauf verringert“.

Drei Fahrmodi können angewählt werden: Boost, Cruise und Go

Dabei ist der elektrifizierte Kultroller ohnehin ein eher teures Vergnügen. Ab 5000 Euro soll er kosten, wer den zweiten Akku für mehr Reichweite ordert, zahlt 700 Euro drauf. Technisch ein Novum bei Rollern, aber ebenfalls nicht umsonst, das optionale ABS, das laut Grübel mit weiteren 200 bis 300 Euro anfallen wird. Wem der Kult, Design und sublimierte Nostalgie egal sind – aber auch der Stand der Technik, kann einen E-Scooter allerdings für weit weniger Geld erstehen.

Die chinesische Billigmarke Nova Motors bietet ihren günstigsten E-Scooter E-Grace im Internet ab 1299 Euro an. Der Versand ist zwar kostenlos, aber dafür hat der Kunde eine fest verbaute Blei-Säurebatterie an Bord, die schwer ist, weniger Kapazität bietet und mit niedrigen Temperaturen schlechter zurecht kommt. Ihre Ladezeit ist weit höher, die Reichweite um die Hälfte reduziert.

Der (N)ostalgiefaktor soll als Kaufanreiz wirken

Eher als Konkurrent auf technischer wie stilistischer Augenhöhe dürften E-Roller des Herstellers Emco fahren. Das Retro-Modell Nova R 2000 im Sixties-Style hat ebenfalls bis zu zwei Lithium-Ionen-Akkus an Bord, die eine Reichweite von bis zu 130 Kilometer gewähren und sogar entnehmbar sind. Wie die Schwalbe versteht sich auch der mindestens 3799 Euro teure Emco-Roller per App-Anbindung mit dem Smartphone. Der Fahrer kann den Ladezustand des Akkus oder den Standort des geparkten Fahrzeugs abrufen. Govecs-Chef Grübel verspricht ein Premiumprodukt mit modernsten Komponenten.

Bis die neue gegen die alte Schwalbe anstinken kann, wird es noch ein Weilchen dauern. Für die erste Produktionswelle kündigt Govecs einige Hundert Einheiten an. Vom DDR-Original sind, trotz politischer Steuerungsversuche wie einer Abwrackprämie für alte Mopeds in Tübingen oder einer Förderprämie in München, die auch E-Scooter bedenkt, noch rund 300 000 auf deutschen Straßen unterwegs.

Technische Daten und Kosten

Fahrzeugklasse: Le1, mit Pkw-Führerschein fahrbar
Geschwindigkeit: 45 km/h
Beschleunigung: 0 – 45 km/h in 5 Sekunden
Leistung: Dauerleistung 4 kW (max. 5,2 kW)
Reichweite: über 100 km mit zwei Akkus
Ladedauer: auf 50 % in gut 100 Minuten mit integriertem Schnellladegerät, 100 % in 5 Stunden
Akku-Technologie: Lithium-Ionen
Fahrzeuggewicht: 120 bis 138 kg je nach Akku
Passagiere: 2
Stauraum: 5 Liter
Energiekosten: auf 100 km 1 Euro bei 0,25 Cent/kWh
Preis: ab 5000 Euro

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